Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen

Als die Rote Armee Anfang 1945 von Osten her näher rückte, räumte die SS sukzessive die Außenlager des KZ Mauthausen rund um Wien, in Niederösterreich und der Steiermark. Die Häftlinge, die nicht mehr gehfähig waren, wurden in den meisten Fällen vor dem Abzug ermordet, die anderen in langen Kolonnen quer durch Österreich nach Mauthausen, Gusen oder Ebensee getrieben. Wer unterwegs nicht mehr weiter konnte, wurde von den Bewachern - je nach Streckenabschnitt sowohl SS als auch lokale Einheiten der Gendarmerie, des Volkssturms und der Hitlerjugend - erschossen oder erschlagen.

Die SS-Wachmannschaft flüchtete am 3. Mai 1945 aus dem Stammlager Mauthausen, nachdem sie noch für die Erschießung der Mehrzahl der sogenannten "Geheimnisträger" (d.h. Häftlinge, die zum Beispiel im Krematorium zur Arbeit eingesetzt gewesen waren) gesorgt hatten. Dem war ein banges Warten, ob die SS nicht noch versuchen würde, vor dem Eintreffen der Befreier gar alle Häftlinge zu ermorden, vorausgegangen. Eine Einheit der Wiener Feuerschutzpolizei übernahm nach dem Abzug der SS die Bewachung des Lagers. Um die Ankunft der Befreier vorzubereiten und notdürftig die Versorgung der Häftlinge aufrechtzuerhalten, formierten sich indessen unter diesen Komitees.

Am Vormittag des 5. Mai 1945 nahm eine US-Panzereinheit, die aus nördlicher Richtung gekommen war, nach einem kurzen Feuergefecht mit SS-Einheiten die Gemeinde Mauthausen ein. Allerdings rückten die Amerikaner nicht bis zum Lager vor, wo auch ihr Eintreffen im Ort zunächst unbemerkt blieb. Der Delegierte des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, Louis Haeflinger, der sich seit wenigen Tagen in Mauthausen aufhielt, geleitete zur Mittagszeit zwei amerikanische Panzerspähwagen ins Lager. Die amerikanischen Soldaten nahmen der Feuerschutzpolizei die Waffen ab, übergaben die Verwaltung des Lagers an die Häftlinge und zogen sich - trotz inständiger Bitten der Häftlinge, im Lager zu bleiben - unter dem Kommando von Sergeant Al Kosiek nach Erhalt eines diesbezüglichen Befehls wieder zurück.

Nun bildeten hauptsächlich spanische und sowjetische Häftlinge bewaffnete Einheiten zur Sicherung des Lagers, da die militärische Lage unklar war und mit SS-Einheiten in der näheren Umgebung gerechnet werden musste. Außerdem besetzten sie auch die Post, das Gemeindeamt und den Gendarmerieposten in Mauthausen.

Erst zwei Tage später, am 7. Mai, als Einheiten der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee unter dem Kommando von Colonel Richard Seibel den Ort und das ehemalige Konzentrationslager besetzten, war die Befreiung endgültig vollzogen. Sofort begannen die amerikanischen Soldaten Lazarette aufzubauen, um die über 20.000 schwerkranken Häftlinge notdürftig medizinisch zu versorgen und zu ernähren. Sie versuchten ihr Bestes, aber trotzdem starben noch in den Tagen und Wochen nach der Befreiung Tausende an den Folgen ihrer KZ-Haft.
Es dauerte bis zum 8. Mai 1945, bis auch alle Außenlager befreit waren; zuletzt das abgelegene KZ Loibl-Pass durch Partisaneneinheiten.

Colonel Richard Seibel berichtet über die Zustände im Lager Mauthausen nach der Befreiung:

Es stellte sich heraus, dass es ungefähr 18.000 Häftlinge aus zwanzig Nationen gab. Die nächste Aufgabe bestand in der Entsorgung von etwa 700 Leichen, die im Lager vorgefunden worden waren, und wurde durch einen Friedhof bewältigt, der auf dem ehemaligen Sportplatz angelegt wurde.

Gleichzeitig mussten sofort Schritte unternommen werden, um die überlebenden Häftlinge zu retten; zu diesem Zweck mussten Lebensmittel herangebracht und Wasserversorgung, Sanitäreinrichtungen, Elektrizität und medizinische Versorgung gewährleistet werden. Wir machten ein deutsches Vorratslager mit getrocknetem Gemüse und einen deutschen Kartoffelkeller ausfindig sowie einen Getreidespeicher mit Hafer zur Herstellung von Brot. Zudem schlachteten wir Pferde aus der Umgebung und beschlagnahmten auf den Bauerhöfen Milch für die Häftlinge im Lazarett. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass zu Beginn das Verdauungssystem vieler Häftlinge so empfindlich war, dass jede Form von Essen sie krank machte. Wir brachten große mobile Spitäler mit dem benötigten medizinischen Personal heran, um jenen Häftlingen, die krank waren oder im Sterben lagen, Hilfe zuteil werden zu lassen.

Zu Beginn bestand das Essen, das wir den Häftlingen verabreichten, aus einer schwachen Kartoffelsuppe und einem kleinen Stück Haferbrot. Das wurde gemacht, um ihre Körper keinem Schock auszusetzen, der durch zu viel oder zu reichhaltiges Essen hervorgerufen worden wäre. Schrittweise wurde die Kost stärker, die Suppe dicker und größere Scheiben Brot, ab und zu außerdem Gemüse und Fleisch, ausgegeben. Ungeachtet der ungeheuren Anstrengungen unseres medizinischen Personals kam für etwa 1.500 der Häftlinge jede Hilfe zu spät. Auch sie wurden wie die ersten 700 in geweihten Gräbern auf dem Sportplatz beigesetzt. (...)

(...) Nach vielen, vielen Stunden großartiger Bemühungen der amerikanischen Mannschaften und mit Unterstützung von einigen Mauthausen-Häftlingen war es uns möglich, die völlig chaotischen Zustände in Ordnung zu bringen. Wir blieben 35 Tage lang im Hauptlager, bis wir von unserer Pflicht entbunden wurden. Während unserer Anwesenheit war es uns gelungen, die Ordnung wieder herzustellen, medizinische Versorgung zu gewährleisten, zu bestatten und ungefähr 13.000 Menschen in ihre Heimatländer zurück zu bringen.

(...) Während des Verhörs des Kommandanten des KZs Mauthausen bestritt er jegliches Fehlverhalten und behauptete bis zu seinem Tode, er hätte nie jemandem etwas Böses getan. In Wahrheit existierten die Krematorien, ich habe sie selbst gesehen und konnte nicht glauben, was Menschen anderen hier angetan hatten. Ich sah den Platz, gleich rechts vom Eingangstor des Lagers, wo Häftlinge im Winter aus Feuerwehrschläuchen abgespritzt und stehen gelassen wurden, bis sie an Unterkühlung starben. Ich sah die Gaskammer, wo Menschen auf so engem Raum zusammengepfercht wurden, dass sie nicht mehr in der Lage waren, sich zu bewegen und kleine Kinder auf die Köpfe der Menge geworfen wurden, bevor sie alle vergast wurden. Ich sah den Sezierraum und die Kühlkammer, wo die Leichen wie Brennholz aufgestapelt waren, um seziert oder verbrannt zu werden. Ich sah den Hinrichtungsraum, wo Häftlinge vom Kommandanten persönlich gehängt und erschossen wurden (...). Ich sah die starkstromgeladenen Zäune, in die sich Häftlinge in der Hoffnung auf einen schnellen Tod warfen, wenn sie ihre Qualen nicht mehr ertragen konnten. (...) Und ich sah die Menschen, sah, was man ihnen angetan hatte, sah die Rohheit, mit der sie misshandelt worden waren.

Mauthausen existierte. Die Unmenschlichkeit von Mensch zu Mensch geschah wirklich. Die Welt darf nicht vergessen, wie tief Menschen sinken können, damit so etwas nicht mehr möglich ist.

Die amerikanische Armee hatte die Absicht, die deutsche und österreichische Öffentlichkeit mit der Realität der Konzentrationslager zu konfrontieren. Deshalb wurden BewohnerInnen der umliegenden Orte und insbesondere ehemalige NSDAP-Funktionäre vielfach zu Besuchen des ehemaligen Hauptlagers Mauthausen oder von Außenlagern wie Gusen oder Ebensee verpflichtet. Sie sollten das Grauen sehen und wurden mitunter auch zur Arbeit bei der Bestattung der vielen Toten herangezogen. Neben dieser direkten Konfrontation mit den Geschehnissen setzte die US-Armee hauptsächlich auf Medienkampagnen.

Vor der Befreiung hatten Häftlinge heimlich und unter Lebensgefahr versucht, das Geschehen durch die Sicherung von Dokumenten und Fotonegativen, durch Zeichnungen und Notizen festzuhalten. Das US-Militär setzte diese Dokumentation intensiv fort, aber selbst für hartgesottene Soldaten war der Horror psychisch kaum verkraftbar. Fotografen, zum einen vom US-Army Signal Corps und zum anderen von zivilen Nachrichtenmagazinen, versuchten, die Realität des Konzentrationslagers einzufangen, bevor die US-Hilfsmaßnahmen das Vorgefallene unsichtbar machen würden. Der Oberbefehlshaber, General Dwight D. Eisenhower, hatte bereits am 12. April 1945 - nach einem Besuch des Lagers Ohrdruf - eine Medienkampagne zur Beseitigung aller Zweifel (auch in den USA) an der Existenz der Konzentrationslager und der dort begangenen Verbrechen angeordnet. Der deutsch-amerikanische Film "Todesmühlen" unter der Regie von Hanus Burger, der Aufnahmen aus verschiedenen Konzentrationslagern kurz nach der Befreiung durch die US-Armee zeit, ist ein Beispiel dafür. Für diese mediale Aufklärungskampagne wurden auch die ersten Augenblicke der Befreiung des KZ Mauthausen nachgestellt - eines der bekanntesten Fotos zeigt die Einfahrt des ersten Panzers ins Häftlingslager am 5. Mai 1945.

Ein weiteres Ziel der amerikanischen Armee war die rasche Gefangennahme des Lagerpersonals bzw. der SS-Bewacher. Der prominenteste Festgenommene war Franz Ziereis, der flüchtige Kommandant des KZ Mauthausen. Er wurde im Zuge seiner Verhaftung durch Schüsse lebensbedrohlich verwundet und erlag seinen schweren Verletzungen, nachdem er noch auf dem Sterbebett verhört worden war.