Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Die Anklage

Neben Robert H. Jackson, dem Hauptankläger aus den Vereinigten Staaten von Amerika, waren die drei anderen Roman Rudenko aus der Sowjetunion, Harley Shawcross aus Großbritannien und François de Menthon aus Frankreich. Letzterer trat während des Prozesses zurück und wurde von Auguste Champetier de Ribes abgelöst.

Diese vier Hauptankläger unterzeichneten am 6. Oktober 1945 die Anklageschrift gegen 24 Hauptkriegsverbrecher und sieben Organisationen und Gruppen, die als verbrecherisch eingestuft waren. Zur Anklage wurden folgende Punkte gebracht:

  1. Gemeinsamer Plan oder Verschwörung zum Angriffskrieg
  2. Verbrechen gegen den Frieden
  3. Kriegsverbrechen
  4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Staatsoberhäupter und Organisationen oder Gruppierungen wurden erstmals in der Geschichte vom Internationalen Militärgerichtshof solcher Straftatbestände beschuldigt.
Die Nichteinhaltung zahlreicher internationaler Verträge, die Formierung einer totalitären Diktatur sowie die Vorbereitung eines Weltkriegs finden sich im ersten Anklagepunkt wieder. Unter Verbrechen gegen die Menschlichkeit fielen die Gräueltaten des Holocausts. Da aber einige Holocaustverberbrechen auch Kriegsverbrechen - also Verbrechen an der Zivilbevölkerung - waren, fielen diese teilweise sowohl unter Punkt 3 als auch Punkt 4.

In allen Rechtssystemen der Alliierten waren die Anklagepunkte Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Deklaration einer Gruppierung oder Organisation als "verbrecherisch".
Das Verfahren dieses Prozesses wurde nach anglo-amerikanischem Recht abgehalten. Der Unterschied zum in Europa durchgeführten Prozessverfahren war, dass die Richter zwar den Prozess leiteten, darauf achteten, dass die Regeln eingehalten wurden und die Urteile verkündeten, aber nicht in Ermittlungen eingriffen. Im kontinental-europäischen Rechtssystem ist die Staatsanwaltschaft verpflichtet, auch zugunsten der Angeklagten zu recherchieren, hingegen sind die Ankläger im anglo-amerikanischen Strafverfahren eine der beiden Prozessparteien und nicht dazu verpflichtet. Beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg hatte den Vorsitz des Gerichts Sir Geoffrey Lawrence aus Großbritannien, aus den USA saßen Francis Veverly Biddle und John Johnston Parker auf der Richterbank. Iona Nikittschenko und Alexander Woltschkow aus der Sowjetunion, Henri Donnedieu de Vabres und Robert Falco aus Frankreich sowie Norman Birkett aus Großbritannien waren die anderen Richter, die bei diesem Prozess vertreten waren.

Die Geschworenen, die ein Bestandteil anglo-amerikanischer Strafverfahren vor dem Zivilgericht sind, fallen vor dem Militärgericht weg, und das Urteil wird von den Richtern abgegeben.

Der "Führer" Adolf Hitler, "Propagandaminister" Joseph Goebbels sowie "Reichsführer SS" und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler konnten zum Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher nicht mehr hinzugezogen werden, da sie sich in den letzten Kriegstagen selbst getötet und somit ihrer Verantwortung entzogen hatten. Auch Reinhard Heydrich, der im Jahr 1942 bei einem Attentat in Prag verletzt wurde und daran starb, konnte für seine zahleichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Heydrich war mit der "Endlösung der Judenfrage" beauftragt und somit einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust.

Auf die Anklagebank beordert wurden folgende 24 Hauptkriegsverbrecher, von denen drei im Gerichtssaal 600 im Nürnberger Justizgebäude nicht anwesend waren:

Nach allen vier Punkten der Anklage wurde der Prozess gegen die Hälfte dieser 24 Personen geführt:

Rudolf Heß
war der Stellvertreter von Adolf Hitler und hatte dadurch eine wichtige Funktion in der Kriegspolitik der Nationalsozialisten. Schon vor der Machtübernahme spielte er eine bedeutsame Rolle in den Kreisen der Nationalsozialisten, wie zum Beispiel durch seine inhaltliche Unterstützung bei Hitlers Buch "Mein Kampf". Bis zu Beginn des Nürnberger Prozesses war Heß in britischer Gefangenschaft, die 1941 im Zuge seiner Reise nach Großbritannien mit dem Auftrag, einen Friedensvertrag auszuhandeln, begonnen hatte. Er wurde beim Nürnberger Prozess nach Punkt 1 und 2 zu lebenslanger Haft verurteilt. Berühmt wurde er durch seine Worte beim Schlussplädoyer: "Ich bereue nichts." Rudolf Heß genießt bis heute den Status als Märtyrer und Symbolfigur in der rechtsextremen Szene.

Hermann Göring
war "Reichsluftfahrtminister" und als Nachfolger von Adolf Hitler bestimmt. Er hatte noch andere Ämter und Funktionen im "Dritten Reich" inne und spielte eine wichtige Rolle bei nahezu allen Gewaltverbrechen im Nationalsozialisums, etwa der systematischen Vernichtung der Juden und Jüdinnen. Er wurde in allen Punkten zum Tod durch den Strang verurteilt.

Joachim von Ribbentrop
war "Reichsaußenminister" und in diesen Belangen Berater Adolf Hitlers. Während des Zweiten Weltkriegs forderte er abhängige und verbündete Staaten auf, Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten zu deportieren. Er wurde in allen Punkten zum Tod durch den Strang verurteilt.

Wilhelm Keitel
war Chef des "Oberkommandos der Wehrmacht". In seiner Position verantwortete er die Angriffskriege der Nationalsozialisten sowie zahlreiche Terroraktionen und völker- und kriegsrechtswidrige Befehle, beispielsweise im Krieg gegen die Sowjetunion. Er wurde in allen Punkten zum Tod durch den Strang verurteilt.

Fritz Sauckel
war neben seinen zahlreichen Funktionen im NS-Regime für die Deportation von mehr als fünf Millionen Menschen als "Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz" zuständig. Er wurde in allen Punkten zum Tod durch den Strang verurteilt.

Alfred Rosenberg
war "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete". Er unterstützte Hitler seit seinen Anfängen und verfasste eine Vielzahl an ideologischen Schriften, die für die NSDAP eine wichtige Rolle spielten. Neben zahlreichen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus lagen auch die systematische Plünderung in den überfallenen Ländern sowie die Schaffung einer Verwaltung der rassistischen Germanisierungspolitik in seinem Verantwortungsgebiet. Er wurde in allen Punkten zum Tod durch den Strang verurteilt.

Alfred Jodl
war Chef des Wehrmachtsführungsstabs und ein sehr enger Berater Hitlers die militärischen Belange betreffend. Aufgrund seiner Funktion oblag ihm, genau genommen, die Planung des Kriegs. Vor dem Gericht des Nürnberger Prozesses musste er unzählige Kriegsverbrechen und Befehle, die den Völker- und Kriegsrechten widersprachen, mit verantworten. Er wurde in allen Punkten zum Tod durch den Strang verurteilt.

Wilhelm Frick
war "Reichsinnenminister". Frick war maßgeblich an der Verabschiedung von mehr als 200 Gesetzen beteiligt, die den Boden zur legalen Durchführung des Unrechts in der NS-Zeit legten. Sehr aktiv war Frick, wenn es um die Umsetzungen von Gesetzen ging, die die nationalsozialistische Rassenideologie definierten. Er wurde nach Punkt 2, 3 und 4 zum Tod durch den Strang verurteilt.

Arthur Seyß-Inquart
war "Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete". Der gebürtige Österreicher hatte in der Zeit des Nationalsozialismus noch weitere Positionen inne, die ihm auf der Karriereleiter weiter nach oben halfen. Seyß-Inquart spielte eine wichtige Rolle beim "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland im Jahr 1938. In den Niederlanden ordnete er den dort ausgeführten nationalsozialistischen Terror, die Verschleppung von ZwangsarbeiterInnen und die Deportation hunderttausender Juden und Jüdinnen in Konzentrationslager an. Er wurde nach Punkt 2, 3 und 4 zum Tod durch den Strang verurteilt.

Walther Funk
war "Reichswirtschaftsminister" und "Reichsbankpräsident". Er zählte schon Anfang der 1930er Jahre zu den Wirtschaftsberatern von Adolf Hitler. Seine Beteiligungen an unzähligen NS-Kriegsverbrechen, von der Enteignung der Juden und Jüdinnen über die Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Existenzen bis hin zur Führung eines Sonderkontos bei der "Reichsbank", auf dem die Wertgegenstände ermordeter KZ-Häftlinge gutgeschrieben wurden, hatte Funk beim Nürnberger Prozess zu verantworten. Er wurde nach Punkt 2, 3, und 4 zu lebenslanger Haft verurteilt. Allerdings wurde er bereits 1957 aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus seiner Haft entlassen.

Konstantin von Neurath
war bis 1938 "Reichsaußenminister". Nachdem er den Kriegsvorhaben, wie sie Hitler verkündete, kritisch gegenüberstand, wurde er durch Ribbentrop als "Reichsaußenminister" ausgetauscht und zum "Reichsprotektor" von Böhmen und Mähren und des dort durchgeführten Terrors durch die Nationalsozialisten. Formal war er bis zum Sturz des NS-Regimes "Reichsminister" ohne Geschäftsbereich. Er wurde nach allen vier Punkten zu 15 Jahren Haft verurteilt und schon 1954 frühzeitig entlassen.

Gustav Krupp von Bohlen und Halbach
gehörte der größte deutsche Rüstungskonzern, die Krupp-Werke. Er unterstütze die NSDAP mit hohen Geldbeträgen und hatte eine Vielzahl an Funktionen in der Wirtschaft inne. Durch die Rüstungsindustrie erlebten die Krupp-Werke mit Beginn des Zweiten Weltkriegs einen enormen Aufschwung. Hunderttausende Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene mussten in den Krupp-Werken arbeiten. 10.000 Menschen kamen bei dieser Arbeit ums Leben. Aufgrund gesundheitlicher Probleme übergab Gustav Krupp 1943 seinem Sohn Alfred die Leitung der Krupp-Werke. Das Verfahren bei den Nürnberger Prozessen musste wegen der Verhandlungsunfähigkeit von Gustav Krupp ausgesetzt werden.

Angeklagt nach den Punkten 1, 2 und 3 waren:

Erich Raeder
Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine. Er wurde nach allen drei Punkten zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch 1955 vorzeitig aus seiner Haft entlassen.

Karl Dönitz
Befehlshaber der deutschen U-Boot-Flotte und Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine. Er wurde nach Punkt 2 und 3 zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Albert Speer
war "Generalbauinspekteur für die "Reichshauptstadt", "Reichsminister für Bewaffnung und Munition" und "Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion". Er wurde nach Punkt 3 und 4 zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Angeklagt nach den Punkten 1, 3 und 4 waren:

Ernst Kaltenbrunner
Chef des "Reichssicherheitshauptamts" und Chef der Sicherheitspolizei ("Sipo") und des Sicherheitsdiensts ("SD"). Er wurde nach den Punkten 3 und 4 zum Tod durch den Strang verurteilt.

Hans Frank
war Befehlshaber im besetzten Polen. Er wurde nach den Punkten 3 und 4 zum Tod durch den Strang verurteilt.

Hans Fritzsche
Chefkommentator des deutschen Rundfunks. Da seine Behauptung beim Nürnberger Prozess "selbst ein gutgläubiger Getäuschter" gewesen zu sein, nicht widerlegt werden konnte, wurde er freigesprochen. Bei einem Entnazifizierungsverfahren wurde er 1947 zu neun Jahren Arbeitslager verurteilt, aber schon drei Jahre später wieder aus der Haft entlassen. In den letzten Jahren vor seinem Tod unterstützte er das Vorhaben, die FDP (Freie Demokratische Partei) zu einer NS-Kampfgruppe zu machen.

Robert Ley
Führer der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF). Da er vor dem Beginn des Nürnberger Prozesses Selbstmord begangen hatte, erübrigte sich ein Verfahren.

Martin Bormann
"Sekretär des Führers" und einer der mächtigsten Männer im NS-Regime. Während des Nürnberger Prozesses galt er als unauffindbar, 1972 wurde festgestellt, dass er bei einem Fluchtversuch in Berlin gestorben war.

Angeklagt nach den Punkten 1 und 4 waren:

Baldur von Schirach
"Jugendführer des Deutschen Reichs" und "Gauleiter" von Wien. Er wurde nach Punkt 4 zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Julius Streicher
"Gauleiter" von Franken und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer". Streicher hetzte in seinem Blatt und anderen Publikationen gegen Juden und Jüdinnen und rief zu ihrer Vernichtung auf. Er wurde nach Punkt 4 zum Tod durch den Strang verurteilt.

Angeklagt nach den Punkten 1 und 2 waren:

Franz von Papen
"Reichskanzler" und später Vizekanzler von Adolf Hitler. Er wurde in beiden Punkten freigesprochen, jedoch in einem späteren Verfahren zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt.

Hjalmar Schacht
"Reichsbankpräsident" und "Reichswirtschaftsminister". Er wurde in beiden Punkten freigesprochen. 1947 wurde er zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt, legte ein Jahr später Berufung gegen das Urteil ein und wurde freigesprochen.

Die 24 Angeklagten hatten die Möglichkeit, sich selbst zu verteidigen oder sich einen Verteidiger zu nehmen. Die Verteidiger konnten von den Angeklagten entweder selbst ausgesucht werden oder wurden auf Wunsch vom Militärgerichtshof zugeteilt. Da das Verfahren nach anglo-amerikanischen Richtlinien vollzogen wurde, konnten auch die Angeklagten im Zuge von Kreuzverhören in den Zeugenstand treten.

Die meisten Hauptkriegsverbrecher gaben vor, nur Befehle befolgt zu haben und von vielen grauenhaften Verbrechen nichts gewusst zu haben. Zu Beginn der Anklage am 21. November 1945 erklärten sich alle anwesenden Angeklagten für "nicht schuldig".

Der Nürnberger Prozess wurde in mehrere Sprachen übersetzt und wird auch als "Geburtsstunde des Simultandolmetschens" bezeichnet. 350 MitarbeiterInnen wurden zu diesem Zweck vom Internationalen Militärgerichtshof eingesetzt.

Nach den Schlussplädoyers der Verteidiger und Ankläger im Juli 1946 hatten die Angeklagten Ende August die Möglichkeit, nochmals vor dem Gericht und der Öffentlichkeit zu sprechen. Die Urteile wurden am 30. September und 1. Oktober 1946 verlesen. Die 24 Hauptkriegsverbrecher erhielten bereits angeführte Verurteilungen. Von den als verbrecherische Organisationen angeklagten sieben Organisationen und Gruppen wurden folgende verurteilt: Korps der Politischen Leiter der NSDAP, Geheime Staatspolizei ("Gestapo"), der Sicherheitsdienst ("SD") und die "Schutzstaffel" (SS). Die mit der SS gemeinsam angeklagte SA wurde mit der Begründung, dass ihre Mitglieder nach Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht an verbrecherischen Handlungen beteiligt waren, nicht verurteilt. Aufgrund der enormen Anzahl von Beteiligten beim Generalstab, der "Reichsregierung" und dem "Oberkommando der Wehrmacht" (OKW) wurden diese nicht als verbrecherische Organisationen eingestuft, da hier in einzelnen Verfahren die Schuld der jeweiligen Personen festgestellt werden müsse.

Über den Nürnberger Prozess berichteten Journalisten aus der ganzen Welt. Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher informierte und konfrontierte die gesamte Weltöffentlichkeit über die Gräueltaten der Nationalsozialisten.

Willi Brandt schrieb 1946 in "Verbrecher und andere Deutsche" über den Nürnberger Prozess:

Man hätte das Rechtsgefühl herausgefordert, wäre mit den Naziführern nie abgerechnet worden.

Der UN-Richter Dr. Wolfgang Schornburg sagte 2006 über die Nürnberger Prozesse:

Nürnberg steht für ein ganzes Kapitel, einen der bedeutendsten Abschnitte in der Geschichte des Völkerstrafrechts. Es ist zum Synonym für den Kampf gegen die Straflosigkeit der schwersten Verbrechen geworden. Das Internationale Militärtribunal in Nürnberg wird daher zu Recht als der entscheidende Vorreiter und auch Wegbereiter der heutigen situativen Tribunale in Den Haag, Arusha und Sierra Leone und natürlich auch des permanenten Strafgerichtshofes (ICC) - getragen von einer heute mehr als einhundert Mitglieder zählenden Staatengemeinschaft - gesehen. (...) Nürnberg ist für uns nicht nur ein bedeutendes historisches Ereignis, das sechzig Jahre zurückliegt. Die Auswirkungen Nürnbergs sind in der gegenwärtigen Gerichtspraxis deutlich spürbar.