Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Vermittlung und kulturelles Begleitprogramm des Marshallplans

In den Vereinigten Staaten von Amerika und in Europa erfolgte die Vermittlung des Marshallplans nicht zeitgleich. Bevor überhaupt endgültig geklärt war, ob die europäischen Staaten die geforderten Bedingungen erfüllten, wurde in den USA bereits Stimmung für den Marshallplan gemacht. George Marshall stellte im Juli 1947 die Gouverneure der US-Bundesstaaten vor die Wahl, den europäischen Ländern zu helfen oder deren Abkehr von der Demokratie zuzusehen. Im darauffolgenden Jahr, bis Juni 1948, hielten der US-Außenminister und seine Mitarbeiter rund 900 Vortragsveranstaltungen vor ca. einer halben Million ZuhörerInnen, wobei sie darauf achteten, gezielt Multiplikatoren und ein interessiertes Publikum anzusprechen. Für den Erfolg dieser Propagandamaschinerie war bezeichnend, dass Marshall ab 1947 ständig auf Seite eins der wichtigsten amerikanischen Zeitungen zu finden war. Außerdem wurden drei Millionen Pakete mit Broschüren zum Marshallplan als Informationsmaterial in alle US-Bundesstaaten verschickt und ein Propagandazug organisiert, der auch die Menschen der kleineren Orte über das geplante Hilfsprogramm für Europa informierte. Darüber hinaus entstanden viele Filme, die dessen Notwendigkeit erklärten.

In Europa wurde erst später mit der Vermittlung begonnen, aber noch bevor die ersten Hilfen eintrafen. Vor allem in Deutschland und in Österreich, aber auch ganz generell, war hier wichtig, den Begriff der Propaganda zu vermeiden, um keine Erinnerungen an den Nationalsozialismus zu wecken und stattdessen auf den Anspruch einer "sachlichen Information" zu setzen.

Sämtliche kulturellen Veranstaltungen und Maßnahmen, die den Marshallplan begleiteten, hatten gemeinsam, dass der American Way of Life zentraler Bestandteil der Vermittlung sein sollte. Im offiziellen Filmprogramm ging es hauptsächlich um den Prozess der Demokratisierung, um produktive Arbeitsmethoden oder um pädagogische Inhalte, die den Horizont der ZuseherInnen durch Informationen über andere Staaten erweitern sollten. Die sogenannten Amerikahäuser wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Orte der Kulturvermittlung, denn hier konnten Kulturschaffende und Jugendliche neben Werken der internationalen Szene insbesondere in die US-amerikanische Kultur hineinschnuppern. Ausgestattet mit öffentlich nutzbaren Bibliotheken und teilweise Schallplatten-Sammlungen, sollten die BesucherInnen der Amerikahäuser Einblick in die amerikanische Kultur und Musik bekommen. Außerdem wurden Filme und Ausstellungen gezeigt.

Eine wichtige Forderung der USA, vor allem an die Deutschen, war "Lernen Sie diskutieren", da sie Obrigkeitshörigkeit und Autoritätsgläubigkeit als wesentliche Vorbedingungen für den Nationalsozialismus betrachteten. Außerdem war das Fulbright-Programm von großer Bedeutung, mit dem Deutschen die Möglichkeit geboten wurde, Kenntnisse über den Alltag und das Leben in den USA zu gewinnen. Dieses Programm wurde 1947 vom Office of Military Government for Germany (OMGUS) ins Leben gerufen und existiert bis heute. Ziel war, den Deutschen im Rahmen der Re-Orientierung amerikanische Werte und Demokratie näherzubringen. Außerdem entstand die Idee, amerikanischen StudentInnen Europa-Aufenthalte zu ermöglichen. Auch heute noch zielt das Fulbright-Programm, das es in 148 Staaten gibt, auf die Förderung des Verständnisses zwischen der US-Bevölkerung und den Völkern anderer Ländern.

Die Regierung Österreichs unterzeichnete das Fulbright-Programm zusammen mit den USA im Juni 1950, wodurch die ersten Austauschprogramme 1951/52 ermöglicht wurden. Finanzierung und Entscheidungsprozesse erfolgen gemeinsam. Die Austrian-American Educational Commission (AAEC) besteht aus jeweils fünf AmerikanerInnen und ÖsterreicherInnen, die jährlich von ihren Regierungen ernannt werden, wobei den Vorsitz abwechselnd ein amerikanisches und österreichisches Mitglied innehat. Seit dem Bestehen des Programms kamen mehr als 155.000 StudentInnen und WissenschafterInnen aus der ganzen Welt in die USA, um zu studieren und zu forschen, darunter über 3.000 ÖsterreicherInnen. Umgekehrt studierten rund 2.000 AmerikanerInnen mit einem Fulbright-Stipendium in Österreich.