Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Ursprünge des Marshallplans

In Washington herrschte nach dem Zweiten Weltkrieg Einigkeit darüber, dass sich die (Wirtschafts-)Krise nach dem Ersten Weltkrieg nicht wiederholen sollte. Zunächst hoffte man in den Vereinigten Staaten, dass zumindest Großbritannien und Frankreich dank ihrer Kolonien ein rascher Wiederaufbau gelingen würde. Allerdings deuteten bis 1947 nur sehr wenige Zeichen auf Wachstum und Fortschritt hin. Die Leistungsfähigkeit Europas lag zu diesem Zeitpunkt noch weit hinter jener vor dem Kriegsbeginn. Kalte Winter brachten eine Verschärfung der Situation mit sich, und die dringendsten Probleme waren Mangel an Nahrungsmitteln sowie Kohle.

Die USA investierten bereits vor der Umsetzung des Marshallplans rund neun Milliarden Dollar in den europäischen Wiederaufbau. Ein großer Teil dieser Unterstützung erfolgte indirekt, beispielsweise durch den Versuch amerikanischer Truppen, die Infrastruktur wieder aufzubauen und Flüchtlingen zu helfen oder indem einige bilaterale Verträge geschlossen wurden, unter anderem dass Großbritannien einen Kredit zugesprochen bekam.
Präsident Harry S. Truman verkündete im März 1947 die sogenannte Truman-Doktrin, die den außenpolitischen Grundsatz der USA festlegte, künftig "allen Völkern, deren Freiheit von militanten Minderheiten oder durch einen äußeren Druck bedroht ist", beizustehen. Damals waren besonders die Türkei, Griechenland und der Iran, rückblickend aber auch Österreich und Deutschland gemeint.

Die Truman-Doktrin fand auch als Argument für den Marshallplan Verwendung und stellte die Rechtfertigungsgrundlage für US-Einmischungen in innere Konflikte anderer Staaten dar, zum Beispiel den griechischen Bürgerkrieg, den Korea- oder Vietnamkrieg. Mit dem Anspruch, Kommunismus zugunsten einer "freien Welt" einzudämmen, machte die Doktrin die Vereinigten Staaten zu einer Ordnungsmacht, was auch noch nach dem Ende des Kalten Krieges große Bedeutung hat - zum Beispiel im "Krieg gegen den Terror".

Der beginnende Kalte Krieg war der Auslöser für den Entschluss, den europäischen Staaten Unterstützung zukommen zu lassen. Weiters sollte durch den Marshallplan ein Grundstock für transatlantische Zusammenarbeit, Verständnis und gegenseitigen Respekt geschaffen werden. Ziel war die Entstehung einer Partnerschaft zwischen den USA und Europa auf der Basis von gemeinsamen wirtschaftlichen und demokratischen Werten. Gleichzeitig verhalf der Marshallplan den Vereinigten Staaten zu einer Marktplattform in Europa.
In seiner oben angeführten Rede vom 5. Juni 1947 sprach Außenminister George C. Marshall über die wirtschaftlichen Hintergründe der US-Politik und den Marshallplan:

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, meine Herren, dass die Weltlage sehr ernst ist. Das muss allen denkenden Menschen klar sein. Ich glaube, eine der Hauptschwierigkeiten steckt in der ungeheuren Vielseitigkeit des Problems, die so groß ist, dass allein schon die Menge der Tatsachen, die die Öffentlichkeit durch Presse und Rundfunk zu hören bekommt, es dem einfachen Mann außerordentlich schwer macht, sich eine richtige Vorstellung von der Lage zu bilden. Und außerdem lebt die Bevölkerung unseres Landes so fern den Unruhegebieten der Welt, dass es für sie recht schwierig ist, sich das Elend der schon so lange leidenden Völker vorzustellen wie auch die durch dieses Elend bei ihnen ausgelöste Reaktion und ferner deren Auswirkung auf die Landesregierungen, während unsere Bemühungen, den Frieden in der Welt zu fördern, im Gange sind. (...)

Der Kern des Problems ist der, dass Europas Bedarf an ausländischen Lebensmitteln und anderen wichtigen Gütern - in erster Linie an solchen amerikanischer Herkunft - während der nächsten drei oder vier Jahre seine Zahlungsfähigkeit so übersteigen wird, dass zusätzliche ausgiebige Hilfeleistung Not tut, um es vor wirtschaftlicher, sozialer und politischer Verschlechterung sehr ernsten Charakters zu bewahren. (...)

Das Mittel, diesen bösartigen Kreislauf zu brechen, besteht darin, den Glauben der europäischen Völker an die wirtschaftliche Zukunft des eigenen Landes und derjenigen Europas in seiner Gesamtheit wieder herzustellen. In weiten Gebieten muss erreicht werden, dass der Fabrikant und der Landwirt ihre Erzeugnisse wieder gegen kursierendes Geld abgeben können und wollen, dessen Wertbeständigkeit außer Frage steht. (...)

Es wäre weder gut noch nützlich, wenn unsere Regierung von sich aus ein Programm festlegen würde, in welcher Weise Europa wirtschaftlich wieder auf die Beine zu stellen ist. Das ist Sache der Europäer. Die Initiative hierzu muss nach meiner Ansicht von Europa ausgehen. Die Rolle unseres Landes sollte darin bestehen, freundschaftlich bei der Aufstellung eines europäischen Programms und anschließend soweit als möglich bei dessen Verwirklichung zu helfen. (...)

Beim Weitblick unseres Volkes und bei seiner Bereitwilligkeit, die ungeheure Verantwortung zu tragen, die unserem Land von der Geschichte zweifellos aufgebürdet worden ist, können und werden wir die Schwierigkeiten, die ich skizziert habe, bewältigen.

Auf beiden Seiten des Atlantiks löste Marshalls Rede Bewegung aus. Die Außenminister Großbritanniens und Frankreichs, Ernes Bevin und Georges Bidault, luden ihren sowjetischen Amtskollegen Wjatscheslaw Molotow zu einer Besprechung nach Paris ein, jedoch wurde dort die Ansicht vertreten, dass der Marshallplan die Souveränität der beteiligten Staaten verletze. Trotzdem wurde eine Konferenz einberufen mit dem Ziel, ein Programm zum Wiederaufbau Europas auf der Grundlage des Marshallplans auszuarbeiten. Der Schwerpunkt lag, wie von den USA gewünscht, auf drei zentralen Fragen: Welche eigenen Anstrengungen zur Beseitigung der Kriegsschäden kann ein Land erbringen oder hat ein Land erbracht? Welche Hilfe können einzelne Länder europäischen Nachbarn anbieten oder haben dies schon getan? Wie hoch muss die Unterstützung für jedes einzelne Land mindestens sein?

Am 12. Juli 1947 versammelten sich Vertreter von 16 Staaten in Paris: Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Niederlande, Belgien, Italien, Portugal, Griechenland, Türkei, Norwegen, Dänemark, Schweden, Irland, Schweiz, Island und Österreich. Sie gründeten einen Ausschuss für die wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas (CEEC - Committee on European Economic Cooperation) und verfassten einen Bericht über ihre Zusammenkunft, in dem es unter anderem hieß:

Letzten Endes können diese von außen zufließenden Mittel zum Wiederaufbau zum größten Teil nur aus den Vereinigten Staaten kommen, die bereits durch die von ihnen während der beiden letzten Jahre geleisteten Hilfe Europa vor Zusammenbruch und Chaos gerettet hat. Unglücklicherweise hat sich der Umfang des Problems bei der versuchten Lösung als noch größer erweisen, als man erwartet hatte. Die durch den Krieg herbeigeführte Desorganisation war weit tiefgehender und die Hindernisse auf dem Weg zum Wiederaufbau noch furchtbarer als erwartet. Es erscheint gerechtfertigt, zu versichern, dass der Bericht eine objektive Darstellung der Lage gibt. Die teilnehmenden Staaten haben darin die Tatsachen auseinandergesetzt, wie sie sie sehen, und unter der Zugrundelegung dieser Tatsachen ein Wiederaufbauprogramm formuliert. Dieses Programm basiert auf der vollen Nutzbarmachung der vorhandenen Erzeugungskapazität. Bei seiner Aufstellung haben die beteiligten Länder getrachtet, den Bedarf, den der amerikanische Kontinent befriedigen müsste, auf das mit der Verwirklichung des Programms zu vereinbarenden Minimum zu beschränken. Nun ist es Sache des amerikanischen Volkes, durch seine Regierung und seinen Kongress dieses Programm zu prüfen und zu entscheiden, ob Mittel und Wege gefunden werden können, das zu seiner Ausführung Erforderliche zu unternehmen, damit für Europa eine bessere wirtschaftliche Zukunft und Stabilität sowie das Gedeihen der Welt gesichert ist.