Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Sozialsysteme

Soziale Gerechtigkeit, Verminderung von Armut und Ungleichheit, Vermehrung des gesellschaftlichen Wohlstandes und Streben nach Vollbeschäftigung sind Ziele, die Teil einer jeden Sozialpolitik sein sollten. Staaten, die diese Ziele anstreben, werden als Sozialstaaten oder Wohlfahrtsstaaten bezeichnet. Wohlfahrtsstaaten entstanden ausschließlich in Gesellschaften, in denen die kapitalistische Wirtschaft und der Nationalstaat bereits fest etabliert waren. Das traf auf Nordamerika, Australien, Neuseeland und die meisten Staaten Westeuropas zu.

Die Etablierung öffentlicher Leistungen im Gesundheits- und Bildungsbereich begann in diesen Ländern mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die ersten Sozialleistungen weltweit waren die unter Otto Fürst von Bismarck eingeführten Kranken- und Pensionsleistungen bzw. die Unfallversicherung für IndustriearbeiterInnen im Deutschen Kaiserreich. Viele europäische Länder folgten dem Beispiel. In Nordamerika wurden solche Leistungen erst ein halbes Jahrhundert später eingeführt. Bis zum Jahr 1920 gab es in den meisten westeuropäischen Ländern schon Arbeitslosenversicherungen. Die Höhe der Leistungen war in der Regel sehr moderat und auf die Ärmsten beschränkt. Die Aufwendungen für ArbeiterInnen konzentrierten sich zunächst nur auf Beschäftigte in strategisch wichtigen oder besonders gefährlichen Industriezweigen. Erst nach und nach wurden die Leistungen auf alle ArbeiterInnen und Angestellten ausgedehnt. Zuletzt folgten die Angehörigen von ArbeitnehmerInnen und die Gruppe der selbständig Beschäftigten. Mit der Ausdehnung der Sozialleistungen gingen positive gesellschaftliche Veränderungen wie der Anstieg der Lebenserwartung oder der Rückgang der Kindersterblichkeit einher. Mitte der 1970er Jahre waren bereits 90 Prozent der westeuropäischen ArbeitnehmerInnen kranken- und pensionsversichert, über 80 Prozent unfallversichert und 60 Prozent bei Arbeitslosigkeit geschützt.

Grundlegend weisen Sozialsysteme der Vereinigten Staaten von Amerika eine komplett andere Entwicklung auf als die europäischen Sozialstaaten. Der US-Präsident John F. Kennedy erklärte zur Bedeutung eines Sozialsystems folgendes:

Wenn eine freie Gesellschaft den vielen, die arm sind, nicht helfen kann, so kann sie auch jene nicht retten, die reich sind.

Bevor es zu einem Wachsen der Arbeiterklasse kam, war in den USA das demokratische System bereits ausgebildet, in Europa hingegen herrschte der Feudalismus, der ein durch persönliche Abhängigkeit, Grundbesitz und Adelsherrschaft geprägtes System war. Dies führte dazu, dass sozialpolitische Entwicklungen in den USA erst spät einsetzten. Soziale Klassen in den Vereinigten Staaten haben keine fest definierten Grenzen, spielen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft jedoch eine wichtige Rolle, da Beruf, Bildung und Einkommen für den sozialen Status bedeutend sind. Soziologischen Studien zufolge besteht die amerikanische Gesellschaft aus sechs sozialen Klassen: einer Oberklasse, die aus den prominentesten, wohlhabendsten und mächtigsten BürgerInnen besteht; einer oberen Mittelklasse, die aus hochqualifizierten Berufstätigen wie ÄrztInnen, ProfessorInnen, AnwältInnen besteht; einer unteren Mittelklasse, die aus gut ausgebildeten Berufstätigen wie SchullehrerInnen und HandwerkerInnen besteht; einer Arbeiterklasse aus Industrie- und LohnarbeiterInnen (Blue Collars) sowie aus einfachen Angestellten, deren Arbeit sehr routinisiert ist; und schließlich einer Unterklasse, die sich aus zwei Bestandteilen zusammensetzt und aus den Working Poor, den arbeitenden Armen, die in schlecht bezahlten Jobs ohne Versicherung oder nur Teilzeit arbeiten einerseits und andererseits den Unemployed Poor, die nicht arbeiten und auf die öffentliche Wohlfahrt angewiesen sind, besteht.