Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Immigration

Allein aufgrund ihrer absoluten Zuwanderungszahlen gelten die Vereinigten Staaten als klassisches Einwanderungsland und definieren sich auch als eine Nation von EinwanderInnen. Das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" zieht bis heute viele Menschen an und hat gleichzeitig in seiner Geschichte stark davon profitiert. Ohne die Migrationsschübe aus Europa, Mexiko oder China wäre einerseits die rasche Industrialisierung der USA undenkbar gewesen und andererseits hätte sich auch die Entwicklung der Landwirtschaft in den Südstaaten ohne die importierten SklavInnen aus Afrika völlig anders gestaltet.

Die amerikanische Gesellschaft, die sich aus Menschen verschiedenster Herkunftsländer zusammensetzt, wird oft als "Schmelztiegel" bezeichnet. Das Staatssiegel, das anlässlich der Gründung der Vereinigten Staaten entstand, enthält den lateinischen Satz "e pluribus unum", das heißt: "Aus vielen wird eins." Diese Formel ziert alle amerikanischen Münzen und Staatsdokumente und macht deutlich, dass die USA von Beginn an ein Einwanderungsland waren. Die Motive für das Auswandern "nach Amerika" waren natürlich unterschiedlichster Art. Sie reichten von Flucht vor religiöser oder politischer Verfolgung über das Ziel der Pilgerväter, ein eigenes religiöses Ideal zu verwirklichen bis hin zu wirtschaftlichen Gründen oder auch Abenteuerlust. Mit Ausnahme der Urbevölkerung, den Native Americans, sind alle EinwohnerInnen der USA entweder Nachfahren von EinwanderInnen oder selbst immigriert.

Nach der sogenannten Entdeckung Amerikas 1492, kamen zunächst hauptsächlich SiedlerInnen aus Spanien, Frankreich und England. Die SpanierInnen ließen sich zuerst in Zentralamerika nieder und zogen zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Richtung des heutigen Kaliforniens, was sich in Städtenamen wie Los Angeles, San Diego oder San Francisco zeigt. Französische EinwanderInnen besiedelten ab 1605 von Nordosten aus den amerikanischen Kontinent und gründeten beispielsweise Detroit, Louisiana, New Orleans oder Illinois. Die SiedlerInnen aus England landeten zunächst im heutigen Jamestown und 1620 mit der berühmten "Mayflower" in Massachusetts. Aus Österreich-Ungarn wanderten zwischen 1876 und 1910 drei Millionen Menschen in die USA aus.

Ab Anfang der 1920er Jahre gestalteten die Vereinigten Staaten die Immigration restriktiver, indem eine Zuwanderungsbegrenzung gesetzlich mit jährlichen Quoten festgelegt wurde. Die zum Teil rassistische Immigrationspolitik sollte die Einwanderung aus Süd- und Osteuropa zugunsten Nord- und Westeuropas eindämmen. Das bis heute umfangreichste und maßgeblichste Werk zur Zuwanderungspolitik wurde 1952 mit dem Immigration and Nationality Act installiert, der beispielsweise eine Unterscheidung zwischen vorübergehenden "Non-immigrants" und dauerhaften "Immigrants" beinhaltete. Ab 1965 wurden Reihenfolge der Anträge und Fragen der Familienzusammenführung berücksichtigt. 1978 erfolgten die Abschaffung des Quotensystems nach nationaler Herkunft und die Einführung neuer Klassifizierungen, zum Beispiel jährliche Höchstzahlen für alle Länder. Diese Veränderungen führten zu einer Globalisierung der Zuwanderungen in die USA, die bis heute andauert. Mit der Aufhebung des rassistischen Quotensystems veränderte sich die Zusammensetzung der EinwanderInnen-Gruppen. Europa wurde bereits in den 1970er Jahren als wichtigste Ursprungsregion der ImmigrantInnen von Asien und dem mittelamerikanisch-karibischen Raum abgelöst, wodurch die sogenannten "Hispanics" zur größten ethnischen Minderheit der USA wurden.

Im Jahr 2005 wurde ein Einwanderungsgesetz beschlossen, das die Regeln für politisches Asyl und verschiedene Einwanderungsbestimmungen verschärfte. Gegen diese Reformen protestierten im darauffolgenden Jahr Millionen Menschen. Im April 2006 fand die größte Aktion mit Demonstrationen in 102 Städten der USA, an denen teilweise über eine halbe Million Menschen teilnahmen, statt. Trotz des Antiamerikanismus bei einigen Veranstaltungen verliefen fast alle Demonstrationen friedlich und verbuchten hohe Medienaufmerksamkeit.

Auch wenn die USA sich als "Schmelztiegel" verstehen, herrschen doch nicht für alle Teile davon die gleichen Bedingungen. Ein Beispiel dafür sind die über 40 Millionen ImmigrantInnen lateinamerikanischer Herkunft, die sogenannten Latinos/Latinas, von denen weniger als ein Viertel das Wahlrecht besitzt. Für die Integration dieser EinwanderInnen, für bessere Schulbildung oder Gesetzesentwürfe zu ihren Gunsten setzen sich Organisationen wie die League of United Latin American Citizens (Lulac) oder der Mexican American Legal Defense and Educational Fund (Maldef) ein. Der Politikwissenschaftler Harry Pachon fand in einer Studie heraus, dass sich lateinamerikanische MigrantInnen stark mit dem American Dream identifizieren und ein hohes Maß an Patriotismus aufweisen. Viele von ihnen nahmen und nehmen an Kriegseinsätzen teil, doch treten junge AmerikanerInnen mit lateinamerikanischen Wurzeln der US-Army häufig deshalb bei, weil es für sie keine Alternativen gibt und sie die Hoffnung hegen, nach dem Militärdienst richtige Papiere zu bekommen.

Die europäische Migrationspolitik unterliegt anderen sozialpolitischen, arbeitsmarktpolitischen und außenpolitischen Zielen als die der USA. Die einzelnen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union bestimmen ihre Migrationspolitik selbst, doch es gibt Bemühungen um einheitliche Richtlinien, da die Zugänge sehr unterschiedlich sind. In Skandinavien gibt es eine starke Integrations- und Assimilationspolitik, in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden finden sich post-kolonialistische Einwanderungsmodelle, und in "Gastarbeiterstaaten" wie Österreich und Deutschland herrschen wieder andere Gegebenheiten. Menschen aus Ländern, die nicht zur EU gehören, werden als "Drittstaaten-Angehörige" bezeichnet und haben einen anderen gesetzlichen und sozialen Status als EU-BürgerInnen. In Österreich wurden ab den 1960er Jahren sogenannte "GastarbeiterInnen" ins Land geholt mit der Absicht, dass ihr Aufenthalt nur von kurzer Dauer sei. Dies ging jedoch nur teilweise auf. Erst mit der Ermöglichung von Zugängen zu Bildung, dem Gesundheitswesen und dem sozialen Wohnbau für ImmigrantInnen wurde Integrationspolitik, auf die lange Zeit nur wenig Wert gelegt worden war, begonnen. Einige Staaten haben zwar enge Richtlinien für Immigration, versuchen nun aber den Zugang für bestimmte Gruppen, wie beispielsweise IT-Fachkräfte, wieder zu öffnen.

Die Vereinigten Staaten versuchen ebenfalls, qualifizierte ImmigrantInnen ins Land zu holen. Dies findet einerseits über die Green Card, d.h. eine zeitlich unbegrenzte Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung, und andererseits über verschiedenste Möglichkeiten zu Studienaufenthalten statt. Eine Statistik der Europäischen Kommission besagt, dass etwa in den Natur- und Ingenieurwissenschaften 3,5 Prozent aller Doktorgrade an EU-BürgerInnen verliehen werden, die dann zum Großteil nach ihrer Promotion in den USA bleiben.

Die Geschichte der österreichischen Einwanderung begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den ehemaligen Kronländern der k.u.k. Monarchie. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es einen Flüchtlingsstrom aus verschiedenen Ländern nach Österreich. 1956 wurden hunderttausende Flüchtlinge aus Ungarn aufgenommen, und seit der Arbeitsmigration in den 1960er Jahren aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien hat sich Österreich zu einem Einwanderungs-, Asyl- und Zielland von MigrantInnen unterschiedlichster Herkunft entwickelt. Ursprünglich wurde das Konzept verfolgt, "Gastarbeiter" nur kurzfristig ins Land zu holen - ähnlich wie in Deutschland und der Schweiz. Doch bereits innerhalb von wenigen Jahren wurde dieses durch die Perspektive längerfristiger Beschäftigung und dauerhafter Niederlassung der Zuwandererfamilien abgelöst. So ergaben sich neue Herausforderungen für die österreichische Migrationspolitik, etwa die Frage der Bürgerrechte für ImmigrantInnen oder die schulische Integration von Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache. Bis heute sind viele Probleme, die sich aus der Migration (zwangsläufig) ergeben haben, nicht adäquat gelöst, sondern haben sich ganz im Gegenteil seit den 1990er Jahren mit der Öffnung der Ost-Grenzen noch verschärft. Oft leben MigrantInnen unter schlechten Bedingungen. Zu Arbeitslosigkeit, ungünstigen Arbeitsbedingungen, schlecht ausgestatteten, aber teuren Wohnungen kommen noch negative Stereotype und Vorurteile vieler ÖsterreicherInnen hinzu.

Zur Förderung der Integration wurden Bildungsangebote wie Sprachkurse oder Förderklassen eingeführt. In Österreich geborene ImmigrantInnen gelten "per Abstammung" als AusländerInnen und müssen für den Erhalt der österreichischen Staatsbürgerschaft erst bestimmte Bedingungen erfüllen. Der Europarat und die EU-Kommission haben zahlreiche Empfehlungen für eine stärkere Integration und Gleichberechtigung von ZuwanderInnen und Drittstaatsangehörigen in den EU-Mitgliedsstaaten vorgelegt. Österreich gehört in diesem Bereich zu den Schlusslichtern innerhalb der Europäischen Union.

In den Vereinigten Staaten von Amerika ist der ImmigrantInnen-Anteil wesentlich höher als im europäischen Durchschnitt, wobei es innerhalb Europas große Unterschiede gibt. In den Mittelmeerländern, in Skandinavien und in den Niederlanden sind die Ausländerquoten niedrig, während Österreich, Deutschland und Belgien über hohe Einwanderungsraten verfügen.

Die Türen für ungebremste Zuwanderung sind sowohl in den USA als auch in Europa heutzutage verschlossen. Zugelassen wird nach wie vor Immigration aus wirtschaftlichen Gründen, etwa um Lücken am Arbeitsmarkt zu füllen. Außerdem gibt es mit bestimmten Auflagen verbundene Möglichkeiten des Familiennachzugs. Die Bedeutung der Immigration zur Aufrechterhaltung der sozialen Sicherungssysteme, insbesondere der Alterssicherung, wird ebenfalls beiderorts hervorgehoben.