Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Das europäische Bild von den USA

Die Geschichte des europäischen Bildes von den USA hat in den letzten hundert Jahren verschiedene Dimensionen durchwandert. Häufig waren die USA ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Modell - eines riesigen dynamischen Marktes, einer straffen Unternehmensführung, einer größeren Innovationsfähigkeit, aber auch eines außergewöhnlich hohen Wohlstands und Massenkonsums.

Überdies waren sie sowohl ein politisches Modell einer Demokratie und Verfassung als auch einer Zivilgesellschaft, der gesicherten Bürgerrechte und der Bürgerpflichten, eines republikanischen Ideals. Darüber hinaus stehen die Vereinigten Staaten auch für ein kulturelles Modell von Film, Fernsehen, Musik und besonders leistungsfähigen Universitäten.

Um 1800 waren die Vereinigten Staaten ein relativ kleines Land im Vergleich zu den damaligen europäischen Ländern. Um 1900 hingegen waren sie in den demografischen und wirtschaftlichen Dimensionen bereits weit über die europäischen hinausgewachsen, und um 2000 waren die USA die einzige Supermacht der Welt.

Schon seit rund einem Jahrhundert spielen die USA eine zentrale Rolle für die europäische Identität - auf jeden Fall eine bedeutendere als die benachbarte arabische Welt, Ost-Asien oder Afrika. Europa identifizierte sich lange Zeit mit Kultur, Werten, Lebensstilen, Kunst, Landschaften, Geschichte sowie einem Bildungskanon und spiegelte somit ein soziales und kulturelles Selbstbild von sich. Im Unterschied zu den USA gab es lange Zeit keine Identifikation mit einem politischen Entscheidungszentrum oder mit einer Verfassung. Die Vereinigten Staaten bauten auf einem Befreiungskrieg und somit auf einer "positiven" Gewalt für nationale Unabhängigkeit auf, wogegen sich in Europa nach der Erfahrung zweier Weltkriege die Einstellung zur Vermeidung von Kriegen entwickelte.

Im letzten Jahrzehnt hat ein Wandel stattgefunden, der die Beziehungen zwischen Europa und den USA verändert hat. Mit dem Irakkrieg 2003 hatte es den Anschein, dass die USA zum neuen Feindbild vieler EuropäerInnen und zum neuen Angelpunkt der europäischen Identität wurden: europäische Menschenwürde gegen amerikanische Todesstrafe, europäische Umweltsensibilität gegen amerikanische Ablehnung des Kyoto-Protokolls, europäischer Wohlfahrtsstaat gegen amerikanischen Kontrast Arm und Reich, europäische öffentliche Sicherheit gegen amerikanischen privaten Waffenbesitz. Doch nicht nur EuropäerInnen brachten dieses neue Denken in Gang, sondern auch das Umfeld der amerikanischen Regierung.

An dem Bild der USA als einzige Supermacht hat sich nichts geändert und wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Doch auch Europa könnte als eine Weltmacht gesehen werden - als eine Weltmacht von der einer der zentralen Pole der Weltwirtschaft ausgeht, als energischer Repräsentant von globalen Werten, von Menschenrechten, als eine Weltmacht, die für Friedenssicherung durch internationale Vereinbarungen und regionale Zusammenschlüsse eintritt.

Die Ängste vor einer sogenannten "Amerikanisierung" existieren in Europa seit Ende des 19. Jahrhunderts, also seit der Zeit, als die USA die großen europäischen Länder überflügelten. Einerseits handelte es sich hierbei um die "wirtschaftliche Amerikanisierung", die ein Übergewicht der großen amerikanischen Unternehmen auf dem Weltmarkt bedeutete und andererseits um die "soziale und kulturelle Amerikanisierung" mit der Durchsetzung des amerikanischen Lebensstils, des amerikanischen Konsums, der Fast-Food-Läden, der Supermärkte, der Einkaufszentren, der Autobahnen, der Ausbreitung der "amerikanischen Familie" sowie der Geschlechterrollen, des amerikanischen Städtebaus und der amerikanischen Einstellungen zu Geld, Wirtschaft und Kultur. Ob es sich um eine wirkliche Amerikanisierung Europas handelte und wie stark gleichzeitig die "Europäisierung" der USA war, ist die Frage.

Der "Antiamerikanismus" spiegelt sich vor allem in der Geschichte der antimodernen Strömungen in Europa wider, die sich Amerika als Symbol der Moderne aussuchten und ihren Antimodernismus über Kritik an Amerika auszudrücken und zu popularisieren versuchten. Dies zeigte sich auch in dem, was die amerikanische Regierung und die amerikanische Öffentlichkeit als "antiamerikanisch" in Europa verstanden und wie die EuropäerInnen auf diese Vorwürfe von europäischem "Antiamerikanismus" reagierten. Was an Europa besonders ist und womit sich EuropäerInnen im Positiven oder im Negativen identifizieren, wird nicht selten im Unterschied zu den USA bestimmt. Sowie AmerikahasserInnen das Land und seine BewohnerInnen pauschal verdammen, neigen erklärte LiebhaberInnen dazu, alles zu idealisieren. Nach einem Abflauen dieser extremen Gegensätze durch den wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierungsprozess, haben die Terroranschläge gegen die Vereinigten Staaten und die Militäraktionen der USA markante Pro- und Kontra-Positionen sowohl in vielen Privatgesprächen als auch in der veröffentlichten Meinung wieder hervorgebracht. Trotzdem vertreten zwei Drittel der EuropäerInnen eine durchaus positive Meinung über die Vereinigten Staaten.