Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Armut und Einkommensungleichheit

Die Schwäche des sozialen Sicherungsnetzes stellt ohne Zweifel eine Schattenseite des Wirtschaftmodells Amerika dar. Niedriges Einkommen und Vermögen verringern nicht nur die Ausbildungschancen, sondern auch die Lebenserwartung. Einer der wesentlichsten und auch bekanntesten Unterschiede zwischen Europa und den USA ist das Ausmaß der Einkommensungleichheit. Diese Unterschiede haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts drastisch verschärft, beispielsweise stieg zwischen 1977 und 1999 das Einkommen im reichsten Hundertstel der BürgerInnen um 115 Prozent. Die amerikanische Arbeitslosenversicherung ist Angelegenheit der Einzelstaaten.

Dennoch gibt es viele grundlegende Gemeinsamkeiten, beispielsweise dass der Zustand der Arbeitslosigkeit nicht durch eigene Schuld verursacht worden sein durfte, das Arbeitslosengeld normalerweise bis höchstens 26 Wochen lang bezahlt wird, BezieherInnen von Arbeitslosengeld müssen sich wöchentlich melden und können zu Weiterbildungsmaßnahmen verpflichtet werden, die Beträge in die Arbeitslosenversicherung werden in den meisten Staaten ausschließlich von den ArbeitgeberInnen bezahlt, und die Einkommensersatzrate liegt im Durchschnitt bei ca. 35 Prozent des letzten Einkommens. Unter verschiedenen Faktoren tragen folgende Punkte zur immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich bei: Erstens basiert ein Großteil des Reichtums der obersten Schicht auf der Niedriglohnarbeit der Armen.

Ein treffendes Beispiel ist der Warenhauskonzern "Wal-Mart", der der größte private Arbeitgeber der USA und zugleich der größte Ausbeuter ist. Zweitens entsteht ein beträchtlicher Teil des Vermögens im Finanzsektor auf eine für die meisten undurchschaubare Weise, etwa durch überhöhte Schuldzinsen und Verzugszinsen, Mahngebühren und Kontoführungsgebühren. Und drittens verdrängt die Gentrifizierung (d.h. die Veredelung eines Stadtteils sowohl durch Veränderung der Bevölkerung als auch durch Restaurierungs- und Umbautätigkeiten) vieler städtischer Wohnviertel die ärmere Stadtbevölkerung meist an den Stadtrand. Darüber hinaus wird durch die Einkommensungleichheit Bildung zunehmend zu einem Privileg der Oberschicht, denn inwieweit sich "Normalbeschäftigte" Studiengebühren von 40.000 Dollar oder mehr pro Jahr ohne Stipendium leisten können, liegt auf der Hand.

In den USA ist der Anteil des Einkommens, den das oberste Hundertstel der US-Haushalte bezieht, seit 1979 von sieben Prozent auf 16 Prozent angewachsen, während der Einkommensanteil der unteren vier Fünftel der Gesellschaft um sieben Prozent gesunken ist.

Mittlerweile lebt jede/r fünfzehnte US-BürgerIn unter der Armutsgrenze. Ungefähr 20,5 Millionen Menschen verdienen 50 Prozent weniger als die offizielle Armutsgrenze besagt. Von umgerechnet 4.000 Euro im Jahr leben zu müssen, führt zu einem Anstieg der Abhängigkeit von Essensmarken. Für beinahe 46 Millionen Menschen in den USA sind diese Essensmarken lebensnotwendig, und ihr täglicher Weg führt sie in die sogenannten Suppenküchen.

In keinem der 50 US-Bundesstaaten hat die Armut abgenommen, in 40 davon hat sie seit 2007 zugenommen. Besonders betroffen sind die US-Staaten im Süden und im Mittleren Westen. Mitträger dieser Entwicklung ist ohne Zweifel die Krise, die im Jahr 2007 mit der US-Immobilienkrise begann und sich über eine Banken- und Finanzkrise zu einer Wirtschaftskrise entwickelte, die mittlerweile die ganze Welt betrifft. Die wirtschaftlichen Auswirkungen solcher Krisen tragen meist die ärmeren Bevölkerungsschichten, was unter anderem den enormen Anstieg der Armut in den USA erklärt. Doch da jede Krise nicht nur VerliererInnen, sondern auch GewinnerInnen mit sich bringt, bleibt eine Frage offen: Wer sind hier die GewinnerInnen?

Die Einführung der Gesundheitsreform im Jahr 2010 lässt Ähnlichkeiten mit dem europäischen Gesundheitssystem erkennen. Vielleicht ist gegenseitiges Lernen von einander der neue Weg, und vielleicht könnte eine Orientierung, wie es zur derzeit erkennbaren schwankenden Erholung der US-Wirtschaft gekommen ist, auch Europa bei einer möglichen Überwindung der Wirtschaftskrise helfen.