Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Was vor Harvey Milk geschah

Im Zuge der Französischen Revolution und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte engagierten sich Menschen bereits für die Gleichberechtigung von Homosexuellen. Zum ersten Mal legalisiert wurde Homosexualität 1791 in Frankreich. Die von uns heute verwendeten Begriffe homosexuell und heterosexuell prägte der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny im Jahr 1868.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde für die Gleichberechtigung von Homosexuellen publiziert, es entstanden Vereine, Gesellschaften und Bewegungen sowohl in den USA als auch in Europa. In den USA kam es 1924 zur Gründung der Gesellschaft The Society for Human Rights, eine der ersten bekannteren Organisationen, die sich an Vorbildern aus Europa orientierte. Immer wieder mussten sich diese Bewegungen mit Kräften auseinandersetzen, die gegen eine öffentliche Akzeptanz von Homosexualität waren.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und der Diktatur der Nationalsozialisten wurden alle Errungenschaften der Homosexuellen-Bewegung zunichte gemacht. Für die Nationalsozialisten war Homosexualität ein "entartetes" Verhalten und nicht kompatibel mit ihren Ideologien. Viele Homosexuelle wurden in der NS-Zeit verfolgt, in Konzentrationslager deportiert, gefoltert und ermordet. Trotzdem erklärte die Schweiz zur gleichen Zeit, nämlich im Jahr 1942, die sogenannte "einfache Homosexualität" - die gleichgeschlechtliche Liebe unter Erwachsenen, die im gegenseitigen Einvernehmen gelebt wird - als straffrei; zeitgleich erschien eine Zeitschrift für Homosexuelle namens "Der Kreis - Le Cercle" in der Schweiz und bestand bis zum Jahr 1961.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich in den Niederlanden, Dänemark und den USA neue Vereine, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen. Bis 1969 schritt die Entwicklung eher zäh voran, da man mit den ideologischen Nachwirkungen des NS-Regimes zu kämpfen hatte. In Österreich gab es zu dieser Zeit nur vereinzelt Personen, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzen.

In den USA wurden homosexuelle Handlungen diskriminiert und bis in die späten 1970er Jahre verfolgt. Die Polizei führte in den 1960er Jahren in mehreren Städten der USA Razzien in Lokalen, die homosexuelle Menschen besuchten, meist mit Gewaltanwendung durch. Eine solche Razzia fand auch in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 in der New Yorker Szenebar "Stonewall-Inn" statt. In dieser Nacht wehrten sich die Gäste der Bar, was zum sogenannten Stonewall-Aufstand führte. Die Widerstandsaktion dieser Nacht brachte viele Menschen dazu, sich zu solidarisieren und gegen die gewalttätigen Razzien der Polizei zur Wehr zu setzen. Der Stonewall-Aufstand und auch die 1968er Bewegung führten dazu, dass Homosexuelle den Mut fassten, für ihre Rechte einzustehen und ein selbstbestimmtes Leben zu fordern. In den beiden darauf folgenden Jahren entstand eine Vielzahl neuer Einrichtungen, die um das 50-fache größer waren, als davor.

Auch in Europa begannen die ersten kleineren Demonstrationen in London und Paris. In Deutschland und der Schweiz löste der Film von Rosa von Praunheim "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" eine neue homosexuelle Bewegung aus. 1971 wurde das Verbot "männlicher und weiblicher homosexueller Handlungen" mit Einschränkungen wie einem Werbeverbot oder Vereinsverbot aufgehoben. Die meist schon vergessene Geschichte der Homosexuellen-Bewegungen vor dem Zweiten Weltkrieg wurde wieder aufgearbeitet. Das erste Buch dazu erschien 1975 in den Vereinigten Staaten von Amerika.

In New York wurde Anfang der 1970er Jahren die Gay Liberation Front (GLF) gegründet. Sie war die erste Organisation, die in öffentlicher Konfrontation für die Rechte von Homosexuellen eintrat und durch ihr Handeln die Basis für kommende Liberalisierungen schaffte. Danach folgten weitere Gründungen von Einrichtungen, die sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzten, etwa die Society for Individual Rights (SIR), und im Laufe ihrer Wirkungszeit einen zunehmenden politischen Einfluss verzeichnen konnten.

In San Francisco wurde die Organisation Alice B. Toklas Memorial Democratic Club gegründet. Homosexuelle wurden plötzlich als vorstellbare Wählergruppe erkannt und homosexuelle AktivistInnen traten offensiv sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik auf und forderten Unterstützung. Trotz all dieser Entwicklungen existierte Diskriminierung und Strafverfolgung von Homosexuellen weiter und führte zu Unzufriedenheit und Protesten. Ein Ort dieser Proteste war die Gegend rund um die Castro Street in San Francisco, wo ein Mann namens Harvey Milk im März 1973 sein Fotogeschäft eröffnete.