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"Harvey Milk gegen den Apparat"

Harvey Milk verbrachte seine Kindheit und Jugend im Bundesstaat New York. Nach seinem Lehramtsstudium mit den Hauptfächern Mathematik und Geschichte arbeitete er bei der US-Marine und später als Lehrer, Versicherungsstatistiker und Analytiker bei einer Investmentfirma, bis er 1973 sein Fotogeschäft in San Francisco eröffnete. Seine Entscheidung, nach San Francisco zu ziehen, wurde durch einen seiner Ex-Freunde, John Galen McKinley, beeinflusst. Durch einen anderen Ex-Freund, den homosexuellen Aktivisten Craig Rodwell, lernte er die Organisation Mattachine Society, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzte, kennen. Dies war wahrscheinlich der erste Schritt auf dem Weg von Harvey Milks politischen Aktivitäten. Nach der Trennung von McKinley entschloss sich Harvey Milk, in San Francisco zu bleiben.

Ich wäre für mein Leben gerne Bürgermeister von San Francisco.

Harvey Milk

Anfang der 1970er Jahre wandelte sich Harvey Milks Haltung von der eines eher unpolitischen "Hippies" in die eines politisch denkenden Bürgers. Im Zuge von Demonstrationen gegen den Konflikt zwischen den USA und Kambodscha in San Francisco, bei denen GroßunternehmerInnen beschuldigt wurden, den Konflikt zu nähren, wurde Harvey Milk von seinem aktuellen Arbeitgeber entlassen. Die Begründung dafür war, dass er sich weigere seine Haare abzuschneiden. Dieser Vorfall brachte ihn dazu, wieder nach New York zu ziehen. Doch schon zwei Jahre später kehrte er mit seinem neuen Lebenspartner Joseph Scott Smith wieder nach San Francisco zurück und eröffnete sein Fotogeschäft.

Die schon durch den Vietnamkrieg ausgelöste Vertrauenskrise der US-BürgerInnen gegenüber der US-Regierung wurde durch die Watergate-Affäre Anfang der 1970er Jahre noch zusätzlich verstärkt und war der letzte Impuls für Harvey Milk, sich nun endgültig politisch zu engagieren.

Er kandidierte um einen Sitz im Stadtrat von San Francisco. Die Organisation Alice B. Toklas Memorial Democratic Club, die er um Unterstützung in seinem Wahlkampf bat, lehnte diesen Wunsch mit der Begründung ab, dass sie niemanden unterstütze, der nicht vorher schon in der Tagespolitik gearbeitet hatte.

Die Unterstützung für seine Kandidatur bekam er schlussendlich von den BewohnerInnen seines Stadtbezirks rund um die Castro Street, von denen die meisten mit ihren politischen VertreterInnen unzufrieden waren. Harvey Milk hatte eine breite Masse an unterschiedlichen InteressentInnengruppen hinter sich. Er konnte die meisten Stimmen in seinem Bezirk gewinnen und kam auf Platz 10 von 32. Trotzdem wurde ihm ein Sitz im Stadtrat verwehrt.

Kurz nach den Wahlen ließ er sich die Haare kurz schneiden und verzichtete auf seine Forderung nach der Legalisierung von Marihuana. Um sein Ziel zu erreichen, brauchte Milk auch die Stimmen der konservativen WählerInnen aus anderen Bezirken. Da es immer wieder dazu kam, dass Homosexuellen die Lizenz für eigene Geschäfte verwehrt wurde, gründete er eine Interessensvertretung für schwule Einzelhändler. Die Unterstützung heterosexueller Einzelhändler erreichte er schlussendlich durch die Organisation des Straßenfests "Castro Street Fair", mit dem er neue KundInnen für seinen Bezirk gewann. Die "Castro Street Fair" findet bis heute in San Francisco statt.
"Ich bezahle der Polizei Steuern, damit sie mich beschützt, nicht, damit sich mich verfolgt", schrieb Milk in einer Kolumne über eine von ihm öffentlich gemachte Konfrontation am 1. Mai 1974 zwischen Homosexuellen und Polizei, der 14 Homosexuelle zum Opfer gefallen waren.

Ein Jahr später kandidierte Harvey Milk wieder für den Stadtrat. Dieses Mal hatte er auch die Unterstützung von drei als solche bezeichneten "Macho-Gewerkschaften": der Hoch- und Tiefbaufacharbeitergewerkschaft, der Ortsgruppe der Bierfahrer und der Gewerkschaft der Feuerwehr. Leider konnte er den gewerkschaftlichen Spitzenverband und auch Teile der Homosexuellen, die stark liberal und/oder marxistisch orientiert waren, nicht als seine UnterstützerInnen gewinnen. Im Wahlkampf konnte Harvey Milk durch seine enorme Medienpräsenz punkten, was sein Manko an finanzieller und ehrenamtlicher Unterstützung gegenüber seinen Mitkandidaten etwas ausglich. Im selben Jahr wurde ein Attentat auf den damaligen US-Präsidenten Gerald Ford bei dessen Besuch in San Francisco durch den homosexuellen ehemaligen Marinesoldaten Oliver Simple verhindert. Harvey Milks und Oliver Simples Gemeinsamkeit war eine Liebesbeziehung mit Joe Campell. Da Simple für seine Heldentat zwar von der Presse geehrt wurde, aber eine Ehrung von offizieller Seite ausblieb, startete Harvey Milk eine Pressekampagne:

Diese Gelegenheit ist zu gut, um sie verstreichen zu lassen. Wir können hier zeigen, dass Schwule auch Helden sein können, nicht dieses 'Gebabbel' von Kindesmissbrauch und Schwulensaunen.

Mit dem siebten von sechs zu vergebenden Plätzen im Stadtrat, erreichte Milk auch bei dieser Wahl sein Ziel nicht. Die Wahl des neuen Bürgermeisters von San Francisco fiel auf George Moscone, der Harvey Milk 1976 einen Posten im Berufungsausschuss für Lizenzen anbot. Milk blieb allerdings nur fünf Wochen in der Stelle, wo über Konzessionen und Lizenzen für die Stadt entschieden wurde, da er für einen Platz im Unterhaus kandidieren wollte.

Harvey Milk hatte wieder die Unterstützung einiger Gewerkschaften, sein Gegenkandidat Art Agnos konnte sich über die Unterstützung der anderen Gewerkschaften sowie einiger demokratischer Politiker freuen. Die Organisation Alice B. Toklas Memorial Democratic Club blieb neutral und unterstützte keinen der beiden Kandidaten. Obwohl die ersten Ergebnisse der Wahlauszählung hoffen ließen und Harvey Milk im Stimmkreis der Castro Street eindeutig der Sieger war, gewann Art Agnos den Wahlkampf mit einer Mehrheit an Stimmen.

Im Jahr 1977 war es endlich soweit. Eine Änderung des Wahlrechts besagte nun, dass KandidatInnen nicht mehr für die gesamte Stadt antraten, sondern auf Bezirke begrenzt. Bei den Wahlen in diesem Jahr gewann Harvey Milk ein Mandat für den Stadtrat.

In seiner Zusammenarbeit mit dem damaligen Bürgermeister George Moscone wurde eine Gesetzesvorlage zur Sicherung der Rechte von Homosexuellen verabschiedet. Die homosexuelle Bürgerrechtsbewegung erzeugte natürlich auch Gegenbewegungen wie beispielsweise die Briggs-Initiative. Der kalifornische Senator Briggs wollte ein Verbot schaffen, das Homosexuellen verbieten sollte, an Schulen zu unterrichten. Harvey Milk eine Kampagne organisierte eine Kampagne dagegen, und das Referendum von Senator Briggs wurde abgelehnt. Ein weiterer Gegner seiner Aktivitäten war der ehemalige Stadtrat Dan White, der gegen den "moralischen Verfall" in San Francisco eintrat. Im November 1978 wurden Bürgermeister George Moscone und Stadtrat Harvey Milk von einem politischen Gegner namens Dan White im Rathaus von San Francisco erschossen. Der erste Stadtrat, der offen zu seiner Homosexualität stand, und der berühmteste Sprecher der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung war tot. Ein Jahr später organisierte die Initiative der LesBiTransSchwulen einen Trauer- und Protestmarsch für Harvey Milk.

I'm here to recruit you.

Diese Worte von Harvey Milk verwendete sein Neffe Stuart Milk in einem E-Mail an AktivistInnen der Obama Pride: LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) Americans for Obama, die US-Präsident Barack Obama bei seiner Wahl 2012 unterstützen.
Im Jahr 2009 wurde Harvey Milk mit der Medal of Freedom geehrt. Diese höchste zivile Auszeichnung überreichte Präsident Barack Obama an Stuart Milk. Unter den anderen 15 Personen, die diese Auszeichnung erhielten, war die homosexuelle Tennisspielerin Billie Jean King. Sie war die erste Sportlerin, die sich öffentlich geoutet hatte. Warum das Weiße Haus Harvey Milk für diese Auszeichnung gewählt hatte, begründete es wie folgt:

Milk wurde im In- und Ausland als Pionier der schwul-lesbischen Bürgerrechtsbewegung verehrt für seine außergewöhnliche Fähigkeit zu führen und für seinen Einsatz zur Gleichberechtigung.