Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Der Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung

Martin Luther King wandte sich ab 1966 immer mehr gegen den im März des Vorjahres begonnenen Vietnamkrieg, was viele Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung mit Sorge betrachteten. Sie befürchteten, dass es ihnen finanziell, durch den Ausfall von Spenden und staatlichen Mitteln, schaden könnte, wenn sie gegen den Krieg Position bezogen, da viele weiße AmerikanerInnen und auch ein großer Teil der AfroamerikanerInnen diesen (anfangs) befürworteten. Trotzdem nahm Martin Luther King nun seinen gewaltlosen Kampf auch gegen Armut und Krieg auf, da er davon überzeugt war, dass viele soziale Probleme mit den Geldmitteln, die in den Krieg flossen, behoben werden könnten. Er wollte für alle benachteiligten Menschen, insbesondere für die schwarze Bevölkerung, bessere Lebensbedingungen erzielen.

Allerdings erntete er immer mehr Kritik, da er mit der Antikriegsbewegung und deren "weißen Führern" zusammenarbeitete. Auch sein Plan, einen "Poor People's March" zu organisieren mit dem Ziel, dass 15.000 Menschen nach Washington marschieren sollten, um Forderungen nach Vollzeitbeschäftigung, ein garantiertes jährliches Mindesteinkommen und Sozialwohnungen durchzusetzen, stieß auf viel negative Resonanz. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis, Tennessee, erschossen. Seine Ermordung führte in rund 110 Städten zu Krawallen, die insgesamt 39 Todesopfer und 2.000 Verletzte forderten, außerdem wurden 10.000 Menschen verhaftet. Martin Luther Kings Familie und die Organisation SCLC setzten die "Poor People's"-Kampagne fort, und im Mai 1968 marschierten bereits die ersten DemonstrantInnen in die Hauptstadt.

Die Forderungen des Civil Rights Movement der AfroamerikanerInnen wurden in den 1960er und 1970er Jahren auch von anderen nationalen oder ethnischen Minderheiten der USA aufgegriffen, wobei eigenständige Bürgerrechtsbewegungen entstanden, die gegen Rassismus und soziale Benachteiligung kämpften. Beispiele dafür sind etwa das American Indian Movement (AIM), das die Rechte der American Natives einforderte und die Chicanos, die sich für die Gleichberechtigung der mexikanischen Minderheit einsetzten.

Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung büßte in den 1970er Jahren ihre Kampfkraft ein. Der verlorene Vietnamkrieg, der Niedergang der Black Panthers und das allgemeine Abflauen der revolutionären Welle waren die Gründe dafür. Zwar hatte die Bewegung sich erfolgreich wesentliche politische Rechte erkämpft, aber nun machte sich ein allgemeiner Bewusstseinsrückgang bemerkbar. Das wesentlichste Thema, die soziale Frage, blieb weiterhin ungelöst.

In späteren Jahren kam es immer wieder zu Aufständen, zum Beispiel 1992. Auslöser dafür war ein Skandal rund um den Afroamerikaner Rodney King, der bei einer Polizeikontrolle Opfer von brutaler Gewalt wurde. Vier Polizisten schlugen ihn mit 50 Mal mit Stöcken, traten ihn mit Füßen und verletzten ihn schwer - nicht wissend, dass ein Amateurfilmer, der die Szene zufällig beobachtete, mit seiner Kamera mitfilmte. Doch dem nicht genug: Vor Gericht wurden die Täter freigesprochen mit der Begründung, der am Boden liegende Rodney King sei "Herr der Situation" gewesen, der "jederzeit die gegen ihn gerichtete Gewalt hätte beenden können." Dieses Urteil löste Unruhen in Los Angeles aus, bei denen 53 Menschen ums Leben kamen und 2.000 verletzt wurden. Außerdem entstand ein Sachschaden von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Diese Unruhen waren jedoch keine organisierten Aktionen, sondern spontane Wut. Rodney King gab sich nicht geschlagen, und in einem zweiten Verfahren wurden zwei der vier Täter zu je 30 Monaten Haft verurteilt.

Trotz den Erfolgen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung kann von Gleichberechtigung noch immer nicht die Rede sein. Fast 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung und mehr als 140 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei ist Rassendiskriminierung ungeachtet in Kraft getretener Antidiskriminierungsgesetze bis heute nicht Geschichte. Das durchschnittliche Einkommen von afroamerikanischen BürgerInnen der USA ist in den letzten 40 Jahren um ein Drittel gestiegen, heute liegt es im Vergleich zum Durchschnittseinkommen von weißen US-BürgerInnen immer noch bei nur 63 Prozent. Von 34 auf 73 Jahre ist die Lebenserwartung von AfroamerikanerInnen in den letzten hundert Jahren gestiegen, trotzdem liegt ihre durchschnittliche Lebenserwartung heute immer noch fünf Jahre unter jener von weißen US-AmerikanerInnen. Ca. 13 Prozent der Menschen, die in den USA leben, sind afroamerikanische StaatsbürgerInnen und haben Einiges erreicht. Immer mehr gehören Mittelklasse an, doch nach wie vor sind laut einer Studie aus dem Jahr 2010 von den mehr als 40 Millionen US-AmerikanerInnen, die in Armut leben, über 27 Prozent AfroamerikanerInnen im Vergleich zu knapp 10 Prozent Weißen.

Ein historisches Ereignis in der Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung war die US-Präsidentschaftswahl 2008. Vor "nur" etwas mehr als 50 Jahren war es ihnen nur eingeschränkt oder gar nicht möglich gewesen zu wählen, und vor vier Jahren zog mit Barack Obama zum ersten Mal ein US-Präsident mit afroamerikanischen Wurzeln ins Weiße Haus ein.