Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Gewerkschaften in den USA

Die Gewerkschaften in den USA entwickelten sich nicht wie die europäischen aus klassenkämpferischen Beweggründen, sondern sie waren zu Beginn in erster Linie eine Art "Schutzgemeinschaft" gegenüber EinwanderInnen und Nichtorganisierten. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie zu einer Gegenbewegung zu den Unternehmenskartellen, die im kapitalistischen System die Rolle des Anbieters von Arbeitskraft einnahmen und diese im Interesse ihrer Mitglieder möglichst teuer verkaufen wollten.
Am 20. August 1866 wurde in Baltimore die erste US-Gewerkschaft ins Leben gerufen: die National Labor Union. Ihr wichtigstes Ziel war die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages.

Drei Jahre danach folgte die Gründung der Vereinigung Knights of Labor, die sich schon bald zur führenden Gewerkschaft entwickelte. Neben der Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages forderte sie eine Erhöhung der Löhne, die Abschaffung der Kinderarbeit, eine gerechtere Vermögensverteilung, mehr Freizeit und eine sozialere Gesellschaft. Der Sozialist Samuel Gompers gründete 1886 den Dachverband American Federation of Labor (AFL), einen der ersten Facharbeitergewerkschaftsbünde, der bereits nach kurzer Zeit landesweit 1,4 Millionen Mitglieder gewinnen konnte und ein Gegengewicht zur radikaleren Organisation Industrial Workers of the World (IWW), die eine Zeitlang eine treibende Kraft in kultureller Hinsicht war, darstellte. Die Massenpresse war damals nationalistisch und antigewerkschaftlich eingestellt, doch trotzdem erreichte die Arbeiterklasse den Höhepunkt ihrer Kraft und Unabhängigkeit.

Eine große Streikwelle, die gleichzeitig eine Erhebung der Ausgebeuteten und Unterdrückten war, wurde 1919 durch die Inflation ausgelöst. In Russland führte diese schließlich zur Revolution und in Folge zur Errichtung der Sowjetunion, in Irland zur Ausrufung der Republik, es gab revolutionäre Kämpfe in Deutschland, Italien und Ungarn. Gleichzeitig entwickelten sich in Indien, China, Afrika und dem Nahen Osten Massenbewegungen gegen die Kolonialherrschaft. In ganz Amerika fanden in der Woche des 4. Juli 1919 Proteststreiks für den inhaftieren Arbeiteraktivisten Thomas Mooney statt, dem man die Verwicklung in einen Bombenanschlag vorwarf. Die Stahlbetriebe allein brachten es auf mehr als 300.000 aufständische ArbeiterInnen, die die Abschaffung ihrer überlangen Arbeitszeiten, d.h. zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage pro Woche, forderten. Allerdings endete dieser Streik mit einer Niederlage: Streikende wurden von der Polizei zusammengeschlagen und verhaftet, ausländische Streikende deportiert und öffentliche Versammlungen verboten.

Noch 1921 existierte in 77 US-Metropolen ein Verbot für Versammlungen unter freiem Himmel, und in den 1920er Jahren gab es insgesamt doppelt so viele einstweilige Verfügungen gegen Gewerkschaften wie in jedem anderen vergleichbaren Zeitraum. Einzelstaaten hatten ein Gesetz über Mindestlöhne verabschiedet, welches jedoch vom Obersten Gerichtshof als verfassungswidrig eingestuft wurde. Zwischen Arbeitskraft und anderen Waren auf dem Markt sahen die meisten Richter keinen Unterschied. Erst 1938 wurde mit dem Fair Labor Standard Act ein bundesweit geltender Mindestlohn gesetzlich festgeschrieben. Präsident Franklin D. Roosevelt führte schlussendlich das Sozialprogramm New Deal (1932 bis 1946) ein, das den ArbeitnehmerInnen eine gewerkschaftliche Organisierung ermöglichte, ohne dass sie unmittelbare Repressionen durch Polizei oder Militär befürchten mussten.

In Flint, Bundesstaat Michigan, fand 1936 ein berühmter Streik statt, der in der Karosseriefabrik Fisher begann. Präsident Roosevelt besuchte diese Produktionsstätte, und die ArbeiterInnen drängten sich zu den Fenstern, um ihm zuzujubeln. Über 100.000 strömten auf die Straßen. Den Weg des Präsidenten nach Detroit säumten eine halbe Million ArbeiterInnen auf der Straße, dort fanden sich 250.000 ein, um seiner Rede gegen die Bosse der Autofirmen zu hören. Roosevelt brachte sein Verständnis von sozialer Verantwortung zum Ausdruck:

Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist zu groß, er muss geringer werden. Das zu versuchen, sind die reich Geborenen doppelt verpflichtet.

Die ArbeiterInnen spürten ihre Macht und nutzten sie erfolgreich auf gewerkschaftlicher wie politischer Ebene. Nun folgten die siegreiche Beendigung großer Streiks und Gerichtsurteile, mit denen die ArbeiterInnenschaft begünstigt wurde. Feinde der Gewerkschaft mussten einlenken. Bis zum Ende des New Deal gab es große Errungenschaften: eine progressive Einkommenssteuer, ein System sozialer Absicherung, einen garantierten Mindestlohn, das Ende von Ausbeutungsbetrieben sowie materielle und rechtliche Zugewinne für Afroamerikaner und Frauen. Die ArbeiterInnen hatten durch die Dominanz von Großindustrie und Massenproduktion ein neues Image: im Frieden als "Helden der Arbeit" und im Krieg als "Helden der Schlacht".

Zehn Gewerkschaften der American Federation of Labor (AFL) spalteten sich 1938 ab, um den neuen Dachverband Congress of Industrial Organizations (CIO) zu gründen, der sich gezielt ungelernten Arbeitskräften öffnete. Die beiden Verbände waren in den folgenden Jahren miteinander verfeindet, doch durch die republikanische Mehrheit im US-Parlament unter Präsident Dwight D. Eisenhower gerieten die Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr unter Druck. 1955 kam es zu einer Wiedervereinigung unter dem Namen AFL-CIO, und dieser Verband existiert bis heute.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste befürchtet werden, dass wieder eine Weltwirtschaftskrise entstehen könnte. Die ArbeiterInnen wollten die Opfer der Kriegszeit nicht umsonst gebracht haben, während die Unternehmer die Macht der Gewerkschaften wieder beschneiden wollten. In der Gesellschaft waren die Gewerkschaften zwar hoch angesehen, allerdings konnten sie nur wenige neue Siege verbuchen und mussten einige Rückschläge hinnehmen, denn ihre Kraft als unabhängig handelnde Arbeiterbewegung war in der Zwischenzeit der Macht ihrer gesellschaftlich integrierten Führungselite erlegen. In Zusammenarbeit mit CIA und Außenministerium sorgte die Gewerkschaft AFL-CIO für die Durchsetzung der Interessen US-amerikanischer Konzerne im Ausland. Zwar beteiligte sie sich am Aufbau der Bürgerrechtsbewegung, nicht aber im Kampf für Menschenrechte, Emanzipation der Frauen und Umweltschutz. Selbst den Vietnamkrieg unterstützte sie noch, als die Mehrheit der Bevölkerung ihm bereits mit Ablehnung und Abscheu gegenüber stand.

Operation Dixie

Mitte der 1940er Jahre startete der Gewerkschaftsverband CIO eine der größten Organisierungskampagnen seiner Geschichte, die Southern Organizing Campaign bzw. Operation Dixie. Diese Kampagne war dringend notwendig, da die Gewerkschaften im Süden der USA nur wenig Einfluss hatten. Die Bemühungen des CIO konzentrierten sich auf die Textilindustrie, und im Mittelpunkt der Kampagne standen die materiellen Probleme. Einige kleinere Siege wurden zwar errungen, allerdings betrafen diese meist nicht die Textilindustrie. Schlussendlich scheiterte die Operation Dixie an der Angleichung der Organisation an die großen Konzerne und an der Nichtbeteiligung an den Kämpfen um Bürgerrechte, um Aufhebung der Rassentrennung und für Gleichberechtigung der Frauen. Der Vorsitzende der Textilindustrie, Emil Rieve, resümierte 1949: "Wir stehen heute im Süden schlechter da als zuvor."

Taft-Hartley-Gesetz

Die Rechte der ArbeiterInnen und die politische Unabhängigkeit ihrer Organisationen wurden unter Präsident Harry S. Truman mit dem Taft-Hartley-Gesetz stark eingeschränkt, worauf die Gewerkschaften mit massiven Protesten reagierten. Von einem "Gesetz für Sklavenarbeiter" sprachen die Gewerkschaftsführer und der ehemalige Präsident des CIO, John L. Lewis, bezeichnete es als den "ersten hässlichen und wilden Vorstoß des Faschismus in den Vereinigten Staaten". Im ersten Jahr nach dem Inkrafttreten des Gesetzes rief Präsident Truman sieben Mal den nationalen Notstand aus und verordnete vier Mal eine "Abkühlungsperiode". Als Folge davon nahmen die Streiks an Zahl und Härte erheblich ab und erreichten nie wieder das Ausmaß der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Dave Beck und Jimmy Hoffa - die Teamsters

Im Jahr 1957 wurde die Gewerkschaft der LKW-Fahrer, die International Brotherhood of Teamsters (IBT) aus dem Bündnis AFL-CIO ausgeschlossen. Doch ein Ausbauprogramm für Highways und ein Rückgang von Investitionen in das Eisenbahnsystem verhalf der IBT zum größten Mitgliederwachstum aller US-Gewerkschaftsorganisationen. Unter der Führung von David Beck, dem Vorsitzenden der IBT ab 1952, wuchs die Organisation in fünf Jahren um 500.000 Mitglieder. Streiks waren David Beck verhasst, stattdessen verteidigte er das freie Unternehmertum und verdiente nebenbei ein Vermögen mit Immobilien- und Investmentgeschäften. Für die sogenannten Teamsters waren demokratische Wahlen keine Option, wenn es um die Durchsetzung des Rechts auf Tarifverhandlungen ging. Sie setzten UnternehmerInnen mit Drohungen und Einschüchterungen unter Druck. Mehr als zwei Millionen Mitglieder zählte diese Gewerkschaft im Jahr 1969 - nun war sie die größte Einzelorganisation. Ihren Einfluss dehnte sie auf Angestellte, LandarbeiterInnen, LagerarbeiterInnen und andere Beschäftigte der Transportindustrie aus.

1957 erwachte das Interesse des FBI für Dave Becks Machenschaften, also übernahm der Aktivist Jimmy Hoffa den Vorsitz der Teamsters. Dieser kämpfte bereits seit den späten 1930er Jahren gegen Hungerlöhne und organisierte Streiks und Straßenschlachten mit brutalen Polizeieinsätzen gehörten ebenso zu seinem Alltag wie Gefängnisaufenthalte. Jedoch hatte sein Kampf Erfolg: Bis Ende der 1950er Jahre stiegen die Löhne der LKW-Fahrer, die auch für die gesamte Industriearbeiterschaft Maßstäbe setzten, dank seiner erfolgreichen Verhandlungen. Allerdings wurde Jimmy Hoffa seit den frühen 1960er Jahren vom Justizministerium verfolgt, was 1964 in einer Verurteilung wegen Betrugs und Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern führte. Zwar schöpfte er alle legalen Einspruchsmittel aus, aber es half nichts: 1967 musste Jimmy Hoffa seine Gefängnisstrafe antreten. Vier Jahre später wurde er freigelassen, und vier weitere Jahre später verschwand er spurlos. Sein spurloses Verschwinden hat sich kulturell verselbständigt - vor allem im Mittleren Westen wurde er eine Legende und Bestandteil der US-amerikanischen Kultur. Sein Vorgänger Dave Beck hingegen wurde 1976 von Präsident Gerald Ford begnadigt und erhielt die vollen Bürgerrechte zurück.

Wilde und legale Streiks

Ab den späten 1960er Jahren, als die Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen gerade ihre Blütezeit erlebten, gab es auch eine zunehmende Anzahl und Heftigkeit von Streiks. Sie sollten auf unfaire Praktiken der Arbeitgeber und Verstöße gegen das Arbeitsrecht aufmerksam machen und Verbesserungen bei Lohnzahlungen sowie in der Renten- und Gesundheitsvorsorge erreichen. Zu Beginn der 1970er Jahre umfasste die Streikwelle mehr als 5.000 Arbeitsniederlegungen pro Jahr. Die GewerkschaftsführerInnen verhielten sich oft passiv, also wurden die ArbeiterInnen selbst aktiv. Die Folge davon war eine bis dato beispiellose Welle wilder Streiks, der größte davon wurde im März 1970 von PostarbeiterInnen durchgeführt. Sie warfen der Regierung vor, die ihnen versprochenen Anpassungen der Löhne nicht verwirklicht zu haben. 200.000 ArbeiterInnen traten in Streik, ignorierten Appelle der Gewerkschaft und legten das gesamte Postbeförderungssystem lahm. Die Situation verschlimmerte sich noch, als Präsident Nixon Einheiten der Nationalgarde losschickte, um den Streik zu brechen, die Post zu sortieren und auszuliefern. Schlussendlich führten Verhandlungen zu einem raschen Ende des Streiks, und die PostarbeiterInnen erhielten Lohnerhöhungen.