Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

Die Entwicklung der US-Gewerkschaften bis heute

Die Regierung unter US-Präsident Ronald Reagan hatte die Gewerkschaftsbewegung niedergeschmettert, scharfe Gesetze gegen die Koalitionsfreiheit durchgesetzt, Sozialleistungen zerstört und den Weg zur Globalisierung geebnet. 1981 war der Höhepunkt des Kampfs von Ronald Reagan gegen die amerikanischen Gewerkschaften. 12.000 streikende FluglotsInnen wurden auf einen Schlag entlassen. Diese Aktion wäre fast der Todesstoß für die amerikanische Gewerkschaftsbewegung gewesen. Danach ging der Einfluss der US-Gewerkschaften stetig zurück, und sie verwandelten sich immer mehr zu einer ganzheitlichen Vertretung aller ArbeitnehmerInnen.

Dass die Gewerkschaften der USA wie in den 1950er Jahren 40 Prozent aller ArbeitnehmerInnen als Mitglieder verzeichnen können, ist Geschichte, denn es geht seit dem Ende der 1970er Jahre bergab. In den Jahren der Bush-Senior- und danach der Clinton-Regierung wuchs die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Effizienzsteigerung in den 1990er Jahren kreierte eine "Zwei-Job-Gesellschaft": Hunderttausende gut bezahlte Arbeitsplätze wurden ins Ausland verlagert, während in den USA Millionen an Billigjobs in der Dienstleistungsbranche entstanden. Ein Ingenieur beispielsweise, der zuvor bei IBM oder General Electric gearbeitet hatte, musste nun zwei Schichten täglich bei zwei verschiedenen ArbeitgeberInnen machen und verdiente nur mehr 70 bis 80 Prozent seines bisherigen Gehalts.

Im Jahr 1995 war der Organisationsgrad der US-Gewerkschaften stark gesunken, der Einfluss der Gewerkschaften in den Unternehmen schwand rapide. Sie verloren eine Betriebsabstimmung nach der anderen. Ihre Rolle in der großen Politik war auf die eines Kommentators geschrumpft. Es herrschte Einigkeit darüber, dass es für Gewerkschaften ohne Veränderung der Strategien und Methoden keine Zukunft gäbe. Das war der Moment, in dem sich die US-Gewerkschaftsbewegung für einen starken Kurswechsel entschied. Der Kongress der AFL-CIO wählte John J. Sweeney zum neuen Präsidenten, den Vorsitzenden der Untergewerkschaft Service Employees International Union (SEIU). John J. Sweeney kommt aus der Bronx, aus einer ArbeiterInnenfamilie mit alten Gewerkschaftstraditionen und frischen Ideen. Er setzte auf die Stärkung der Basisorganisationen; die Gewerkschaftsgelder sollten dorthin fließen, wo Beschäftigte um ihre Rechte kämpften. Er unterstützte Bill Clintons Pläne zur Gesundheitsreform, suchte Kooperation mit den ArbeitgeberInnen und hatte keine Scheu, sich für Feministinnen, Homosexuelle und andere progressive Strömungen in der Gewerkschaft einzusetzen. Er vertrat die Interessen der organisierten ArbeiterInnenschaft immer wieder landesweit auf Konferenzen, bei Reden und Zusammenkünften mit Nachdruck. Da die meisten nationalen Gewerkschaften undemokratisch organisiert waren, verspürten sie nicht das Bedürfnis, für demokratischen Fortschritt in anderen Bereichen der Gesellschaft zu sorgen.

Mit Beginn der Konjunkturkrise im März 2001 verloren über zwei Millionen ArbeitnehmerInnen in den USA ihren Arbeitsplatz. In der Computerproduktion, in den Branchen Möbel und Stahl wurde jede/r Neunte entlassen, bei Fluglinien und in Textilfirmen verlor jede/r Zehnte den Arbeitsplatz. Das Management von "Wal-Mart", der größten Einzelhandelskette der USA mit mehr als 3.200 Geschäften, zwang die - durchgängig nicht gewerkschaftlich organisierten - Beschäftigten zu unbezahlter Mehrarbeit. Angestellte wurden nach Ladenschluss eingesperrt und zur Weiterarbeit gezwungen oder mussten auch während der Pausenzeiten durcharbeiten. Diese Anschuldigungen waren nicht neu, im Jahr 2000 hatte "Wal-Mart" nach einem Gerichtsverfahren für 69.000 Angestellte in Colorado 50 Millionen Dollar an Nachzahlungen für unvergütete Mehrarbeit geleistet. In vielen Bereichen, wie in den Einkaufszentren in den Staaten des Südwestens, in den Vorstädten oder auf den technologischen Sektoren, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hatten, fehlten die Gewerkschaften.

Als im Jahr 2005 die großen Gewerkschaften Service Employees International Union (SEIU), International Brotherhood of Teamsters, Unite-Here (Hotel- und Restaurant-ArbeiterInnen) und United Food and Commercial Workers (UFCW) den Dachverband AFL-CIO verließen, lebte die Hoffnung unter einigen GewerkschaftsaktivistInnen wieder auf. Daraus entstand die neue Dachorganisation Change to Win aus mehreren Einzelgewerkschaften, die durch eine offensive Anwerbung neuer Mitglieder die schwindende Macht der Gewerkschaften stärken wollte, um im globalen Arbeitskampf bestehen zu können.

Dort, wo die amerikanischen Gewerkschaften stark waren, zum Beispiel in der Automobilindustrie - in der die Gewerkschaft in den 1980er Jahren 1,5 Millionen Mitglieder gehabt hatte -, sank die Anzahl der Beschäftigten rapide. In der amerikanischen Wirtschaft hat es eine Verlagerung von der Industrie in Richtung Dienstleistung gegeben. Die großen Arbeitskämpfe der amerikanischen Gewerkschaften werden heute nicht in der Schwerindustrie, sondern in den Vergnügungsparks von Los Angeles geführt. Der Gewerkschaftspräsident John J. Sweeny:

Wenn Amerika eine Gehaltserhöhung braucht, dann muss die in Las Vegas erstritten werden. Denn in Las Vegas schlägt das Herz der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung.

Während des Vietnamkriegs trauten sich die Gewerkschaften nicht, sich eindeutig und offen auf die Seite der KriegsgegnerInnen zu stellen. Zum Irakkrieg nahm der Dachverband AFL-CIO ausdrücklich eine bemerkenswert kriegskritische Position ein und positionierte sich bei vielen Aktivitäten, Kundgebungen und Demonstrationen dagegen.

Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 spielten die US-Gewerkschaften, wie auch in den vorangegangenen Wahlen, eine große Rolle - so stellten GewerkschafterInnen und ihre Familien rund ein Viertel der WählerInnen in den USA dar. Trotz der Abspaltung der Change to Win-Koalition (CTW) vom US-amerikanischen Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO im Jahr 2005 arbeiteten beide eng bei den Kongresswahlen zusammen. Sie hatten maßgeblichen Anteil am Erfolg der Demokratischen Partei. Ihre Mobilisierungskräfte bei den Wahlen bilden einen wahren Kontrast zu ihrem ansonsten verhältnismäßig geringen politischen Einfluss in der US-Landschaft, wo nur noch rund zwölf Prozent der ArbeiterInnen und Angestellten gegenwärtig gewerkschaftlich organisiert sind.

Die Wirtschaftskrise trägt ihren Teil zum Niedergang der traditionsreichen Gewerkschaften in den USA bei, und die Fronten zwischen Unternehmen und Gewerkschaften verhärten sich stetig. Im Jahr 2009 sank die Befürwortung der Gewerkschaften in der US-Bevölkerung zum ersten Mal auf unter 50 Prozent, und vor einem Jahr waren nur noch rund zwölf Prozent aller ArbeitnehmerInnen in den USA bei der Gewerkschaft. Die Anti-Gewerkschafts-Methoden im Wahlkampf 2012 der Republikanischen Partei mit Unterstützung der Tea-Party-Bewegung haben den US-Gewerkschaften sehr zugesetzt.

Wie die Entwicklung der Gewerkschaften und damit der Rechte der ArbeitnehmerInnen weitergeht, wird maßgeblich davon abhängen, wer der neue Präsident der Vereinigten Staaten wird - Hillary Clinton oder Donald Trump?