Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

American Sports

Wer die USA verstehen will, kommt am Thema Sport kaum vorbei. Er spielt in der amerikanischen Geschichte eine wichtige Rolle, und viele Sportarten erfreuen sich großer Beliebtheit. Aber was noch wichtiger ist: Sport dient der Vermittlung von Werten wie Gerechtigkeit, Fairness und Teamgeist. Er trug und trägt zur ethnischen und sozialen Integration bei und diente im Lauf der Geschichte als "sozialer Klebstoff", der das Land zusammenhielt.

Quer durch alle Bevölkerungsschichten sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Baseball, American Football und Eishockey, Basketball und Cheerleading Hauptfreizeitbeschäftigungen und Hauptgesprächsthemen der US-Bevölkerung.

Während Europa sich 2016 für die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich begeistert, fiebert Amerika jedes Jahr bei den World Series (Baseball) und beim Super Bowl (dem Football Finalspiel mit den teuersten Werbeeinschaltungen) mit - die Übertragungen im Fernsehen haben Einschaltquoten um die 50 Prozent. Talentierte SportlerInnen sind die Stars der High Schools, bekommen - unabhängig von ihren schulischen Leistungen - Stipendien an teuren Universitäten geradezu nachgeworfen und haben gute Chancen auf eine hoch bezahlte Karriere. Längst haben SpitzensportlerInnen die Entdecker, Cowboys und Astronauten als HeldInnen des Landes abgelöst.

Wer kennt sie nicht, die gut gepolsterten und in den unterschiedlichsten Farben gekleideten Kolosse des American Football, die sich mit vollem Körpereinsatz "ins Gefecht" werfen und dabei selbst oft durch die Luft gewirbelt werden? Oder die auf Kufen stehenden und aufs Äußerste bereiten Eishockeyspieler, bei deren "Kämpfen" auf dem Eis es oft wirklich "Zahn um Zahn" zugeht. Blutige Trikots gehören hier zum "guten Ton" und sind fast schon Standard.

Nicht so aggressiv und auch mit weniger Körperkontakt geht es dagegen beim Baseball zu. Obwohl es auch hier hie und da zu Raufereien kommen kann, besonders wenn die Mannschaften mit Entscheidungen des Umpires, d.h. des Schiedsrichters, nicht einverstanden sind.

Basketball wirkt ebenfalls harmloser. Doch auch hier kann so manches Temperament zum Überkochen gebracht werden. Den Durchbruch schaffte Basketball mit dem sogenannten "Dream Team" bei den Olympischen Spielen 1992. Um die wohl beste Basketballmannschaft der Welt entstand ein Rummel, den es bis dahin um keine olympische Mannschaft gegeben hatte. Die gesamte Sportwelt stand im Zauber der Stars Michael "Air" Jordan, Charles Barkley, Larry Bird und Earvin "Magic" Johnson, trainiert von dem legendären Coach Chuck Daly. Erstmals in der olympischen Geschichte mussten für eine Pressekonferenz Platzkarten ausgegeben werden. Die Schlägereien der JournalistInnen bei der Ausgabe der Platzkarten werden von vielen heute als Teil der Inszenierung gewertet und die Pressekonferenz erfüllte auch alle Erwartungen der JournalistInnen.

Frage an Charles Barkley: "Was wissen Sie über Ihren Erstrundengegner Angola?"
Antwort: "I don't know anything about Angola. The only thing I know about Angola is: Angola is in trouble.” (Ich weiß nichts über Angola, abgesehen davon, dass Angola in Schwierigkeiten steckt.)
Und Barkley hatte Recht: Endstand 116:48 für das "Dream Team".

Frage eines Journalisten an Coach Daly: "Warum schlafen Ihre hoch bezahlten Profis nicht im olympischen Dorf wie alle anderen Athleten?"
Antwort: "May I ask Mister Robinson and Mister Ewing to stand up, please?” (Darf ich Herrn Robinson und Herrn Ewing bitten, sich zu erheben?)
Die beiden traten wie befohlen vor: 2,16 Meter und 2,14 Meter menschliches Übermaß klemmten plötzlich zwischen Deckenbeleuchtung und Podium im Auditorium Maximum des Pressezentrums. Die Betten im olympischen Dorf waren nur etwa 1,90 Meter lang ...

Abseits der schnellen Basketball Stars und der aggressiven, aufeinander zustürmenden American Football- und Eishockey-Spieler - die irgendwie an Kriege aus längst vergangenen Zeiten erinnern - gibt es noch eine Sportart, die oft nicht als solche anerkannt wird. Gemeint ist das Cheerleading. Volles Körperbewusstsein, Rhythmus und Sportivität werden den Cheerleaders abverlangt. Außerdem natürlich auch noch eine große Portion Ehrgeiz, denn nur so kann ein Cheerleading-Wettkampf gewonnen werden.

All diese Sportarten haben etwas gemeinsam: Sie sind enger mit der Politik verbunden als allgemein angenommen. So haben sportliche Veranstaltungen immer auch eine symbolische und politische Bedeutung.

Zum Beispiel bewirkte das Basketballteam Harlem Globetrotters, das selbst in seinen Anfängen 1927 durch rassistische Diskriminierung behindert wurde, dass bereits 1950 der erste Afroamerikaner einen Vertrag bei einem NBA-Team (National Basketball Association) unterzeichnen konnte und bereitete dadurch den Weg für einen Michael "Air" Jordan oder einen Shaquille O'Neal.

In der NFL (National Football League) wurde Frederick Douglass "Fritz" Pollard (geb. 1894 in Chicago), der es 1920 zum ersten schwarzen Quarterback und Cheftrainer in der Profiliga brachte, zur Leitfigur der schwarzen Football-Gemeinschaft. Es dauerte bis zum Jahr 2007, bis der erste afroamerikanische Head Coach mit seinem Team, den Indianapolis Colts, die Superbowl gewann.

Sport ist eines der wenigen Themen, zu denen jeder Mensch eine Meinung hat - irgendwo zwischen leidenschaftlicher Liebe oder absoluter Abneigung. Am einen Ende der Sport-Skala befinden sich die fanatischen Aktiven, nahezu Süchtige, für die ein Tag erst dann ein guter ist, wenn sie mindestens zwei Stunden gelaufen oder wenigstens zum Bodystyling im Studio gewesen sind. Oder auch die fanatischen Passiven, reine KonsumentInnen, denen kein Sportereignis entgeht, die samstags im Stadion ihren "Jungs" die Daumen halten und sonntags vor dem Fernseher mit den Rennfahrern und ihren Boliden fiebern.

Am anderen Ende der Sport-Skala stehen diejenigen, die es mit dem ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill halten: "No Sports". Körperliche Ertüchtigung ist für sie unnötige Schinderei und sie können nicht verstehen, wie jemand interessiert zusehen kann, "wenn 22 Männer hinter einer Lederkugel herrennen" oder Menschen 100 Meter sprinten, als ginge es um ihr Leben. Zwischen den Extremen hat die Mehrheit ihren Platz: Für sie gehört Sport aktiv wie passiv mehr oder minder exzessiv einfach zum Leben.