Hintergrundbild UnSer (?) Amerika

American Cars

Autos sind zwar ein universelles Produkt, aber keineswegs überall gleich. Amerikanische Autos sind immer zu groß, haben viel zu starke Motoren und gelten für den Stadtverkehr als unpraktisch. Die Weiten des amerikanischen Kontinents mit seinen übersichtlichen breiten Straßen und bequemen Parkmöglichkeiten liefern hier nur bedingt eine Erklärung, eher eine Ausrede.

Das Auto wurde zwar in Europa erfunden, aber in Amerika wurde die Massenproduktion etabliert. In den 1920er und 1930er Jahren wurden die Automobile zu einem Grundpfeiler der amerikanischen Gesellschaft und begannen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Nicht nur ihre Funktion war ein Verkaufsargument, sondern das Wichtigste wurde ihr Design.

Schon damals waren amerikanische Autos im Vergleich zu europäischen größer, auffälliger und für die Bevölkerung leistbarer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Unterschied noch viel ausgeprägter. Die Größe Amerikas und die damaligen niedrigen Energiepreise unterstützten eine Entwicklung, die das Auto zum wichtigsten Transportmittel machte.
In den 1950er und 1960er Jahren wurden in Europa "vernünftige" Autos gebaut, während man in Amerika unterdessen futuristische Designs verehrte. Das wesentlichste Automerkmal dieser Zeit kann in zwei Worten zusammengefasst werden: die Heckflosse. Die American Cars wurden zum Symbol des American Way of Life.

Das Herz der Automobilproduktion in den Vereinigten Staaten von Amerika war in Detroit. Es gab dort mehr Automobilhersteller als in Frankreich, England und Deutschland zusammen. Die Marken Cadillac, Pontiac, Ford, Mercury, Oldsmobile, Plymouth, Chevrolet, Dodge und Buick waren hier die führenden Marken. Für jedes dieser Modelle gab es eine verwirrende Vielfalt von Optionen und Extras.

Geh voran, geh hinterher oder geh aus dem Weg!

Amerikanischer Spruch

Das Spannende war, dass Amerika gezeigt hat, dass man sich um ein paar hundert Dollar jedes beliebige Auto so umgestalten kann, damit man selbst unverwechselbar wird.

Legendär waren damals die Muscle Cars. Die Rezeptur eines Muscle Cars war ebenso einfach wie effektiv: Big-Block-V8, Heckantrieb, ein irrer Sound, der hält, was er verspricht. Diese Art von Autos ist eine Eigenheit der US-amerikanischen Autokultur.
Die ersten Muscle Cars entstanden 1964 und hatten nichts zu tun mit Straßenkreuzern, Heckflossen und entspanntem Cruising. Diese Autos, die sich durch die unglaubliche Bauart auszeichneten - allerdings auf jeglichen Schnick-Schnack (elektrische Fensterheber, elektrische Sitzverstellung etc.), der zur damaligen Zeit bereits üblich war, verzichteten -, hatten großen Erfolg. Immer öfter zeichneten sich am Asphalt die verräterischen Spuren nächtlicher Burn-Outs ab. Nicht einmal zehn Jahre brauchten die Muscle Cars um eine eigenständige Autokultur zu kreieren. Eine Kultur die auf Understatement pfiff, die laut war, rebellisch und süchtig nach Performance. Sie machten ihrer staunenden Umwelt unmissverständlich klar: Ich lebe auf der Überholspur! - Get out of my way!
Diese Autos und ihre Fahrer wurden schnell zur Zielscheibe von Cops und Versicherungsgesellschaften. Sie waren die idealen Autos für aus dem Vietnamkrieg heimkehrende GIs. 1974 nahm die Ära der Muscle Cars ein jähes Ende: Neue Vorschriften, hohe Versicherungsprämien und die Ölkrise beendeten ihr Zeitalter brutal.

Mich fasziniert der Anblick der puren Verschwendung verknüpft mit diesem Flair einer vergangenen Zeit: viel glitzerndes Chrom, eine unglaubliche Liebe zum Detail, fast erotische Formen, unendlicher Benzinverbrauch - alles andere als sinnvoll, aber das macht schon wieder Sinn.
Ich mag eigentlich nur ältere Autos, die eine Geschichte, einen Charakter haben, störrisch und eigenwillig sind, überraschend und selbstbezogen. Autos, die mir immer wieder ihren Willen aufzwingen und jede Ausfahrt zu einem Abenteuer machen.

Gerald Matt, US Car-Fan

Die amerikanische Widersprüchlichkeit ist auch am Beispiel von Henry Ford gut darstellbar. Niemand hat die Entwicklung des Autos und im weiteren Verlauf auch die Entwicklung der modernen Industrie so nachhaltig beeinflusst wie Henry Ford. Allein sein Wirken als Autopionier machte ihn zu einer beeindruckenden Persönlichkeit seiner Zeit. Er war getrieben von der Idee, jedem/r AmerikanerIn ein leistungsfähiges und preiswertes Fahrzeug zugänglich zu machen.

Henry Ford wurde am 30. Juni 1863 als Sohn eines Farmers in Michigan geboren. Seine technische Begabung war schon als Jugendlicher stark ausgeprägt. Er musste als schlechter Schüler mit 17 Jahren die Schule verlassen. Daraufhin begann er, als Lehrling in einer mechanischen Werkstätte zu arbeiten. Er träumte damals von einem pferdelosen Wagen. Später sagte er selbst: "Mein erster Wagen glich einem Bauernwagen". Der Motor entwickelte ca. vier PS. Die maximale Geschwindigkeit betrug 30 km/h. Er experimentierte immer weiter, steckte seine ganzen Ersparnisse in seine Konstruktionen und stand immer wieder ohne Einkommen da. Dieser Schritt war umso mutiger, als das Automobil damals in Amerika sowie in Europa überwiegend als Liebhaberei angesehen wurde. Mit drei anderen Männern gründete er die Detroit-Automobil-Gesellschaft, überwarf sich aber bald mit den anderen Gesellschaftern und machte sich wieder selbständig. Die Detroit-Automobil-Gesellschaft wurde nach seinem Austritt in Firma Cadillac umbenannt.

Henry Ford mietete sich eine Werkstatt und entwickelte weiter Motoren. Um bekannt zu werden, nahm er mit seinen selbst entwickelten Autos an Autorennen teil. 1903 gewann er sein erstes Rennen. Eine Woche später wurde die Ford-Automobil-Gesellschaft gegründet. Henry Ford war stellvertretender Vorsitzender, Oberingenieur, Aufseher, Zeichner und Direktor gleichzeitig. In einer gemieteten Tischlereiwerkstätte wurden die Wagen im Grunde nur zusammengestellt. Die Erzeugung der Einzelteile erfolgte nach seinen Zeichnungen und Herstellungsangaben in verschiedenen anderen Fabriken.

Fords Reklame war sehr einfach:

Zweck unserer Arbeit ist es, ein Automobil speziell für den Alltagsgebrauch und Alltagsnutzen, zu geschäftlichen, beruflichen und Erholungszwecken für die Familie zu bauen und auf den Markt zu bringen.
Ein Automobil, das genügend Schnelligkeit aufbringt, um den Durchschnittsfahrer zu befriedigen, das von allen Männern, Frauen und Kindern wegen seiner Stabilität, Einfachheit, Sicherheit, praktischen Bequemlichkeit und schließlich seines außerordentlich billigen Preises bewundert wird.

Um sein Unternehmen bekannt zu machen und auszuweiten, wurden immer wieder Rennen gefahren. Die Firma Ford florierte und wurde immer größer. 1911 hatte er schon einen Umsatz von 18.000 Wagen. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Modell T. Dieses Modell beinhaltete alles, was Henry Ford an Ideen, Geschick und Erfahrung aufbringen konnte. Er stellte seine ganze Erzeugung auf dieses Modell um. Es war ein durchschlagender Erfolg. Jetzt begann Henry Ford mit einer Rationalisierung, wie sie bisher in Amerika noch niemand gekannt hatte.

Er arbeitete mit einer Fließbandfertigung. Die Arbeiter benötigten beispielsweise für die Zusammensetzung eines Schwungradmagneten ungefähr 20 Minuten pro Stück. Diese Arbeit wurde in 29 Einzelleistungen zerlegt und die Zeit für die Zusammenstellung dadurch auf 13 Minuten verkürzt. Die Fließbandfertigung wurde immer mehr und härter optimiert, sodass zum Schluss die Montagezeit nur mehr bei fünf Minuten lag. Die Tätigkeiten wurden auf 48 Einzelarbeiten aufgeteilt.

Henry Ford bezahlte zwar seine Arbeiter gut, aber er verhinderte jegliche Mitsprache und Mitbestimmung. Er wandte sich massiv gegen Gewerkschaften in seinem Betrieb. Im Jahr 1937 kam es sogar zu einem gewalttätigen Konflikt zwischen dem Werksschutz von Ford und der Gewerkschaft United Auto Workers. Danach gab es Gerichtsurteile gegen Ford, die ihm verboten, in die Pläne der Gewerkschaften einzugreifen. Erst 1941 wurde eine vertragliche Vereinbarung zwischen dem Unternehmer Ford und der Gewerkschaft erreicht.

Die Ford Company beteiligte sich am Aufbau der deutschen Streitkräfte vor dem Zweiten Weltkrieg. 1938 wurde ein Fertigungswerk in Berlin in Betrieb genommen, dessen einzige Aufgabe war, LKWs für die Wehrmacht herzustellen. Ford produzierte rund 80.000 LKWs und 15.000 Kettenfahrzeuge für die Wehrmacht. In den Ford-Werken wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt, die man sich von der SS "auslieh". Im Juli 1938 wurde Henry Ford mit der höchsten Auszeichnung, die das "Deutsche Reich" während der Zeit des Nationalsozialismus an Ausländer vergab, geehrt. Die Auszeichnung wurde begleitet von einer persönlichen Glückwunschnachricht Adolf Hitlers.

Henry Ford, der glühende Gewerkschaftsgegner und Antisemit, fand nichts dabei von Adolf Hitler Glückwünsche zu erhalten, sondern antwortete auch noch sehr anerkennend. Wenn es um Profit ging, waren Judenhass, die Kooperation mit dem Diktator Adolf Hitler und das Verhindern von gewerkschaftlichen Rechten kein Problem für den Autopionier Henry Ford.